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Vor 45 Jahren: Sonntagsfahrverbote In der Ölkrise Auto gegen Fahrrad getauscht

Von Sönke Ehmen | 24.11.2018, 11:35 Uhr

Die Ölkrise im Spätherbst 1973 führte auch in Delmenhorst zum Anblick leerer Straßen: An vier Sonntagen musste auf das Auto zwecks Benzineinsparung verzichtet werden.

Fußgänger und Pferdegespanne auf leeren Straßen, Polizisten, die Autofahrern die Weiterfahrt untersagen – am 25. November 1973 schien sich die bundesdeutsche Welt verkehrt zu haben.

Überraschend hatten ägyptische und syrische Truppen am 6. Oktober einen Angriff auf Israel gestartet und so den knapp dreiwöchigen Jom-Kippur-Krieg losgetreten. Nach anfänglichen Erfolgen war es aber den israelischen Soldaten gelungen, die Angreifer zurückzudrängen. In dieser Situation entdeckten die arabischen Staaten mit dem Ölboykott eine ganz neue Waffe.

Von den Arabern abhängig

Nach einem Beschluss vom 5. November 1973 drosselten sie die Öllieferungen um 25 Prozent. Betroffen waren hiervon in erster Linie jene Staaten, die in ihren Augen eine zu israelfreundliche Politik betrieben. Für die Bundesrepublik, die etwa 75 Prozent ihres Rohöls aus arabischen Staaten bezog, kam dies einer Katastrophe gleich und es wurde händeringend nach Wegen gesucht, die Auswirkungen abzufedern.

Auch Sportboote und Flugzeuge betroffen

Erstmals erfuhr der Zeitungsleser am 8. November von der Idee, das Autofahren an bestimmten Tagen zu verbieten, um so den Verbrauch zu drosseln. Und am 16. November teilte Bundeskanzler Willy Brandt den Bundesbürgern mit, dass für den Totensonntag sowie die drei darauffolgenden Sonntage ein Fahrverbot verhängt werde. Betroffen hiervon seien auch Mofas und Motorräder, motorisierte Sportboote und private Flugzeuge. Bei Verstößen sei mit einem Bußgeld bis zu 150.000 DM zu rechnen. Ausgenommen von dieser Regelung waren lediglich Arbeitnehmer, die an Sonntagen arbeiten mussten, wie etwa Ärzte oder Journalisten.

Finsternis am Rathaus ab 21 Uhr

Neben dem Fahrverbot wurde zugleich ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf Autobahnen und 80 Stundenkilometern auf Landstraßen eingeführt. Und in einer Dezernentenrunde um Oberstadtdirektor Jürgen Mehrtens entschied sich die Stadt Delmenhorst, in Schulen die Temperaturen auf maximal 20 Grad zu begrenzen sowie die Rathausbeleuchtung um 21 Uhr abzuschalten. Rechtliche Grundlage dieser Maßnahmen war das Energiesicherungsgesetz, welches in aller Eile am 9. November 1973 beschlossen worden war.

Verbot mit Gelassenheit genommen

In den frühen Morgenstunden des 25. November war es dann so weit. Ab 3 Uhr stand in der Bundesrepublik nahezu der gesamte Kfz-Verkehr still. Entgegen erster Vermutungen nahmen die autoverliebten Deutschen das Verbot zumeist aber mit Gelassenheit und Humor.

Väter tauschten das Steuerrad mit der Luftpumpe und holten die angestaubten Räder aus dem Keller heraus. Ja, so mancher Pferdebesitzer nutzte die freien Straßen für einen Ausritt und ein findiger Delmenhorster Gastwirt hatte gar den Einfall, seine Gäste zum Frühschoppen mit einem Kremser-Service abzuholen. Wer nicht auf Schusters Rappen gehen wollte, der konnte auf den öffentlichen Busverkehr zurückgreifen, was viele auch taten, da sie am Totensonntag den Friedhof aufsuchen wollten.

Umdenken nahm seinen Anfang

Unter dem Eindruck des ungezwungenen Verweilens auf den autofreien Straßen und angesichts der Stille an sonst stark befahrenen Hauptstraßen, spürten zugleich viele Bürger, welchen Verlust an Lebensqualität sie doch durch die zunehmende Motorisierung erfahren hatten. Erste Momente eines verkehrspolitischen Umdenkens nahmen hier ihren Anfang.

Nicht einmal ein halbes Dutzend „Sünder“

Zu beobachten war am ersten Sonntag des Fahrverbots zugleich eine Kuriosität, die so wohl nur in Deutschland passieren konnte. Da es nicht möglich war, die städtischen Verkehrsampeln zentral auszuschalten, blieben diese in Betrieb. Mit der Folge, dass trotz leerer Straßen die Delmenhorster pflichtbewusst an den Ampeln auf die Grünphase warteten. Insgesamt, so stellte es die Polizei fest, verhielten sich alle in der Stadt vorbildlich. „Bis zum Abend wurden aus Delmenhorst und dem übrigen Landkreis Oldenburg nicht einmal ein halbes Dutzend ‚Sünder’ registriert“, vermeldete das dk.

Übergang vom Gestalten zum Verwalten

Für alle sichtbar war mit dem Ölboykott die Zeit des Wirtschaftswunders vorüber. Über Nacht verdoppelten sich die Benzinpreise, wodurch der westlichen Wirtschaft der wichtigste Lebenssaft entzogen wurde. Politisch bedeutete dies den Übergang vom Gestalten zum Verwalten. Der Wechsel vom Visionär Willy Brandt zum Pragmatiker Helmut Schmidt im Mai 1974 machte dies nur allzu deutlich.