Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Vortrag im HWK Delmenhorst Dr. Michael Schottmayer: Burnout ist nicht selbst lösbar

Von Thomas Deeken | 17.03.2015, 17:52 Uhr

Der Burnout ist ein „komplexes Geschehen mit schwerwiegenden Folgen.“ Das hat Dr. Michael Schottmayer am Montag bei seinem Vortrag im HWK erklärt.

„Wer in diesen Strudel gerät, kommt alleine nicht mehr raus. Das schafft niemand.“ Das hat Dr. Michael Schottmayer am Montagabend im Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst betont, als er ein Symbolbild eines Wasserstrudels an die Wand projizierte und anhand dieses Bildes einen Vergleich zu „einer der auffälligsten Entwicklungen der jüngsten Zeit“ zog – zum Burnout, zum Ausgebranntsein. Rund 110 Männer und Frauen kamen, um dem Soziologen und Psychologen der Uni Bremen zuzuhören und Fragen zu stellen. Konkrete Lösungsvorschläge hatte er am Ende allerdings nicht parat. „Vielleicht habe ich aber Anregungen gegeben, bei bestimmten Signalen genauer hinzusehen“, sagte Schottmayer.

Alarmzeichen frühzeitig erkennen

Mehr als eine Stunde lang informierte der Wissenschaftler, der im Fachgebiet Arbeits- und Organisationspsychologie tätig ist, über Burnout als „ein komplexes Geschehen mit schwerwiegenden Folgen“. Betroffen seien Mensch und Gesellschaft gleichermaßen. Schließlich gehe es nicht nur um körperliche und seelische Schäden bei Frauen und Männern, sondern auch um erhebliche wirtschaftliche Folgekosten durch Krankenfehltage und Fehler bei der Arbeit. Es sei wichtig, Alarmzeichen frühzeitig zu erkennen und ärztlich behandeln zu lassen. Dabei richtete Schottmayer auch einen Appell an Vorgesetzte, ihre Mitarbeiter im Blick zu behalten. Denn für Betroffene selbst sei es häufig äußerst schwierig, ihre Situation zu erkennen. „Es gibt eine ganz starke Neigung, dieses Phänomen zu verleugnen“, so der Wissenschaftler, der allerdings davor warnt, die Ursache für Burnout alleine im Arbeitsleben zu suchen. Das Phänomen des Ausgebranntseins könne auch in der Person begründet sein. Laut Studien sind es gerade die besonders Engagierten, die sich innerhalb kurzer Zeit „von glühenden Idealisten zu deprimierten, erschöpften und leicht reizbaren Zynikern“ entwickeln.

Psychische Erkrankung, keine Krankheit

Der Bremer zog in seinem Vortrag wissenschaftliche Ausarbeitungen von anerkannten Psychologen und Psychoanalytikern wie Matthias Burisch, Herbert Freudenberger und Wolfgang Schmidbauer heran und erklärte anhand von Studien der IG-Metall mögliche Auslöser für Burnout. Dabei verwies er darauf, dass dieser Erschöpfungszustand derzeit offiziell nicht als Krankheit, sondern als psychische Erkrankung eingestuft sei. Betroffen ist Statistiken zufolge vor allem die Altersgruppe der 51- bis 59-Jährigen und dabei sind es eher Frauen als Männer. Eine Begründung dafür konnte Schottmayer allerdings nicht geben.

Soziale Kontakte brechen meist ab

Ein Burnout-Verlauf kann nach Darstellung des Bremers häufig folgendermaßen aussehen: Über-Engagement und freiwillige Mehrarbeit führen zu Erschöpfung und chronischer Müdigkeit. Folgt mangelnde Anerkennung, geht es in die Bereiche Desillusionierung und Verständnislosigkeit – mit dem Merkmal, „dass man anderen nicht mehr zuhört“. Nächster Schritt ist die negative Einstellung zur Arbeit und eine große Gleichgültigkeit mit Äußerungen wie „Ist doch sowieso alles egal“. Bei den einen kommen danach Schuldgefühle auf, die mit Depressionen zusammenhängen, zu Selbstmitleid führen und ein Gefühl der Leere vermitteln. Bei anderen gibt es wiederum Schuldzuweisungen – an andere Personen oder an das System. Anschließend nimmt die Leistungsfähigkeit drastisch ab. Parallel dazu brechen Betroffene häufig soziale Kontakte ab. Laut Schottmayer ist es alarmierend, wenn Personen plötzlich keine Lust mehr haben, ihrem Hobby nachzugehen. Am Ende stehen psychosomatische Reaktionen, „die sogar bis zum Suizid führen können“. Insgesamt handelt es sich allerdings nicht um einen kurzen Prozess, sondern um einen längeren Verlauf von mindestens sechs Monaten.

Keine exakte Definition möglich

Gefährdet sind nach Angaben des Referenten auch Menschen, die sich immer wieder aufs Neue in der Firma beweisen müssen, die ihre eigene Leistung gerne selbst abwerten und sich freiwillig mehr aufbürden, um das eigene Selbstwertgefühl zu stärken, die nicht abschalten können, mit Angst vor Fehlern in die Firma gehen und „deren Freizeit durch die Arbeit aufgefressen wird“. Es gibt Dutzende weiterer Faktoren von der Angst vor der Arbeitslosigkeit bis zum schlechten Betriebsklima, das von Druck und Ängsten geprägt ist, die zum Burnout beitragen können. Fest steht, so Schottmayer: Burnout ist so komplex, dass eine exakte Definition gar nicht möglich ist. „Wichtig ist es, soziale Kontakte nicht abreißen zu lassen und auf Signale aus dem Umfeld zu hören.“

Weiterlesen: Millionen Beschäftigte dopen am Arbeitsplatz