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Vortrag im HWK in Delmenhorst Historiker referiert über Zukunft der Demokratie

Von Alexander Schnackenburg, Alexander Schnackenburg | 24.05.2016, 14:32 Uhr

Der Historiker Paul Nolte hat am Montag, 23. Mai, im Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst über die Zukunft der Demokratie in Europa referiert.

Die klassischen Gegensätze zwischen den großen deutschen Parteien gibt es schon lang nicht mehr, sagt Nolte, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin. Statt dessen sei etwas an die Stelle dieser Gegensätze gerückt, gegen das die Parteien nunmehr mit vereinten Kräften angingen und auch angehen müssten: der Populismus. Mit dieser These schloss Nolte seinen Vortrag „Sprengsatz oder neuer Kitt? Migration, Flüchtlingspolitik und die Zukunft der Demokratie in Europa“ am Montagabend vor gut 100 Zuhörern im Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK).

„Kulturelle Optimisten“ gegen „kulturelle Pessimisten“

Als Auslöser dieses in seinen Augen immer deutlicher zutage tretenden Populismus sieht der Historiker die „Flüchtlingskrise“, bei der es sich in Wahrheit um eine „Krise der westlichen Lebensordnung“ handele. Diese wiederum habe eine „Krise des Weltvertrauens“ aufgedeckt, von welcher alle europäischen Staaten betroffen seien, auch dadurch „begünstigt“, dass sich die Welt generell immer schneller verändere, was die Menschen verunsichere. Nicht umsonst teile die Krise des Weltvertrauens die Bevölkerung inzwischen in „kulturelle Optimisten“ und in „kulturelle Pessimisten“. Letztere neigten zu einem pauschalen Misstrauen gegenüber Eliten und Repräsentanten, entwickelten gar Verschwörungstheorien und fielen dem Populismus anheim. Damit seien sie empfänglich für eine „Politik der Sündenböcke“, wie nicht zuletzt die Erfolge von Pegida und AFD bewiesen.

„Kultur des Vulgären“ an „digitalen Stammtischen“

Mit der Blüte des Populismus geht „eine neue politische Kultur des Vulgären“ einher, stellt Nolte zudem fest und verweist exemplarisch auf jene Hasstiraden, welche im vergangenen August auf Angela Merkel hernieder prasselten, als die Kanzlerin ein Flüchtlingsheim in Heidenau besuchte. Vielleicht noch deutlicher lasse sich die „Kultur des Vulgären“ allerdings an „Digitalen Stammtischen“ ablesen, welche zudem den „Vorzug“ der Anonymität mit sich brächten. Doch nicht nur innerhalb Deutschlands zeigt sich, ausgelöst durch das hohe Flüchtlingsaufkommen, wie zerrissen die Gesellschaft ist, konstatiert Nolte. Die Zeit für jenen europäischen Bundesstaat, an welchen jahrzehntelang fast alle deutschen Politiker geglaubt hätten, sei noch lange nicht gekommen – auch deswegen nicht, weil viele europäische Länder aufgrund ihrer unterschiedlichen Geschichte ebenso unterschiedliche Vorstellungen von den Vorzügen des Nationalstaats hätten. Diese gelte es zu akzeptieren – und „bescheidenere Optionen der europäischen Integration“ anzustreben.