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Vortrag in Delmenhorst Psychologe stellt Integrationsmaßnahmen infrage

Von Johannes Giewald, Johannes Giewald | 03.05.2017, 18:39 Uhr

„Wie kann es sein, dass wir Jugendliche für Apple-Produkte begeistern können, aber nicht für Demokratie und Menschenrechte?“, fragte Buchautor Ahmad Mansour bei einem Vortrag in der Delmenhorster Markthalle zum Thema Integration. Im Anschluss an die Mitgliedersitzung vom Kommunalverbund Niedersachsen/Bremen regte er zum Nachdenken an.

Für Menschen, die nach Deutschland kommen, müssten „emotionale Zugänge zur Mehrheitsgesellschaft“ geschaffen werden. „Das kann nur auf lokaler Ebene passieren, das kann nicht von Berlin aus gesteuert werden“, appellierte der israelisch-arabische Psychologe an die kommunalen Vertreter aus dem Einzugsbereich des Kommunalverbunds. Ahmad Mansour lebt seit 2004 in Deutschland und arbeitet unter anderem in Projekten gegen Radikalisierung.

Dort hat er viel Kontakt zu Jugendlichen und erlebt mit, wie Integration bereits bei jungen Menschen scheitern kann. „Wir brauchen neue pädagogische Konzepte, in denen Menschen mit Migrationshintergrund mitdiskutieren und mitwirken können, und so erreicht werden.“ Derzeitige Konzepte könnten das nicht leisten, das aktuelle Schulsystem erreiche Jugendliche nicht, neue Dialogplattformen müssten geschaffen werden.

Ablehnung führt zu Parallelgesellschaften

Ahmad Mansour macht seine Thesen an eigenen Erfahrungen fest. Als er nach Deutschland kam, fühlte er sich abgelehnt, einen Zugang zu Menschen der Mehrheitsgesellschaft habe es nicht gegeben. „Die ersten Monate in Deutschland waren für mich eine Art Trauma“, erzählte er, „dieses Trauma führt dazu, dass Menschen Integration ablehnen und Parallelgesellschaften aufbauen.“ Es sei ihm damals leicht gefallen, diese Gesellschaft abzulehnen.

Die deutsche Gesellschaft werde von vielen Migranten als schwach wahrgenommen. Dies werde sie nicht, weil sie schwach sei, sondern weil die Menschen in ihren Heimatländern andere Gegebenheiten in teils totalitären Systemen kennen würden. „Wir müssen zeigen und vermitteln, dass es keine Schwäche, sondern eine Stärke ist, Menschen noch eine Chance zu geben“, meinte Mansour. Auch bedeute Integration, dass Werte wie Meinungs- oder Religionsfreiheit nur toleriert werden, sondern „dass ich den individuellen Gewinn dadurch merke“.

Auch im Zusammenhang mit der von Thomas de Maizière angestoßenen Debatte zur Leitkultur diskutierte Ahmad Mansour im Anschluss an seinen Vortrag mit Mitgliedern des Kommunalverbunds über das „kommunale Thema“ Integration, das laut Kommunalverbund-Vorsitzenden Andreas Bovenschulte so schwer zu bearbeiten sei, wie nur wenige andere. Weiterlesen: De Maizière stößt mit Vorschlägen zur Leitkultur auf Kritik