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Vortrag in Divarena Delmenhorst Ex-Wikileaks-Sprecher erklärt digitale Revolution

Von Eyke Swarovsky | 16.11.2016, 18:20 Uhr

Für ihre Vortragsreihe „Blickpunkte“ hat die Landessparkasse zu Oldenburg (LzO) am Dienstag den ehemaligen Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg eingeladen. Er versetzte die Gäste in Staunen.

Mit beeindruckenden und kaum greifbaren Zahlen hat Daniel Domscheit-Berg am Dienstagabend den 180 Besuchern bei einem höchst spannenden Vortrag im Rahmen der LzO-Blickpunkte in der Divarena erklärt, was das Internet bedeutet und wo es uns hinführen kann. Innerhalb von 45 Sekunden werden weltweit 180 Millionen E-Mails verschickt, 125000 Stunden Videos auf Youtube geschaut und 2,8 Millionen Beiträge auf Facebook „geliked“. Aber welche Auswirkungen hat das Internet auf unser Leben? „Wir befinden uns gerade am Anfang der dritten industriellen Revolution“, sagt der ehemalige Wikileaks-Sprecher (2007 bis 2010). Mit Blick auf die Situation vor 600 Jahren, kurz vor der Erfindung des Buchdrucks, gibt er zu bedenken: „Die Zeiträume, in denen Veränderung stattfindet, werden immer kürzer.“

Wir sind dabei, diese Chance zu verschlafen

Statt die Potenziale, die diese Revolution mit sich bringe, jedoch sinnvoll zu nutzen, seien wir gerade auf dem besten Weg, diese Chance zu verschlafen „und vor die Wand zu fahren.“ Domscheit-Berg zeichnet ein Bild, dass gleichermaßen düster wie auch paradiesisch anmutet. „Wenn wir die Potenziale dieser Transformation richtig nutzen, eröffnen sie eine Zukunft voll Wohlstand, Gerechtigkeit und Teilhabe.“ Gleichwohl könne man aber auch nicht abstreiten, dass durch die Automatisierung „und allerlei andere -sierungen“ immer mehr Menschen in ihren Berufen überflüssig werden.

3D-Druck wird alles verändern

Allein die Themen 3D-Druck und autonome Fahrzeuge bedrohen weltweit ganze Berufsstände. Wir seien die letzte Generation, für die der Führerschein eine Rolle spielen werde. Kraftfahrer und Bauarbeiter würden schon sehr bald nicht mehr gebraucht. „Es gibt mittlerweile 3D-Drucker, die in 24 Stunden ein Dorf mit zehn Häusern inklusive Inneneinrichtung gedruckt haben“, nennt er ein Beispiel und gibt immer wieder zu bedenken: „Das ist keine Science Fiction. Das ist schon da.“ Bereits in fünf bis sieben Jahren werde das erste transplantierfähige Herz aus organischem Material gedruckt. „Angepasst auf den Genpool des Patienten, damit das Organ bestmöglich funktioniert. Das wird alles verändern, aber niemand ist darauf vorbereitet.“ Zwei Drittel der jetzigen Grundschüler werden in ein paar Jahren in einem Beruf arbeiten, den es heute noch nicht gibt, macht er die rasende Geschwindigkeit der Entwicklung deutlich.

Wissen bis in den letzten Winkel dieser Welt tragen

Zu den Fachgebieten des Informatikers gehören (soziale) Netzwerke. „Wir haben mit dem Internet die Möglichkeit, sämtliches Wissen bis in den letzten Winkel der Welt zu tragen.“ Dadurch könne zum ersten Mal in der Weltgeschichte ein „inklusives Zeitalter“ anbrechen. Es brauche theoretisch keine großen Konzerne mehr. „Eine gute Idee des Einzelnen reicht aus, die Welt zu verbessern.“ Crowdfunding mache die Umsetzung möglich. In dem Zusammenhang erwähnt Domscheit-Berg ein Projekt junger Leute, die die Idee hatten, etwas gegen die vielen Erblindungen in Afrika tun zu wollen mit einer simplen Diagnose per Smartphone. Binnen weniger Stunden hatten sie 100.000 Dollar gesammelt und konnten ihre Idee umsetzen. Domscheit-Berg: „Jeder einzelne von uns hat heute mehr Macht als jemals zuvor. Damit geht Verantwortung einher. Wir müssen mitgestalten und die Entwicklung nicht an uns vorbeiziehen lassen.“

Die falschen Leute mit dem Thema betraut

Kritisch blickt Domscheit-Berg auf den Umgang mit dieser Chance: „Wir brauchen mehr Transparenz. Wir müssen reflektieren, ob etwas gut für uns ist, oder nicht. Wir müssen sensibler mit unseren Daten umgehen und dadurch die totale Kontrolle verhindern.“ Die Zukunft sei längst da, „trotzdem haben wir keinerlei Debatte und beauftragen Leute in der Politik mit dem Thema, die wir sonst nirgendwo unterbringen konnten“, sagt Domscheit-Berg verärgert und spricht einen Kern des Problems an, einen in seinen Augen desaströsen Zustand des Bildungssystems: „Wie kann es sein, dass Schüler bei uns im Informatik-Unterricht Tabellen auf Papier ausfüllen müssen, anstatt zu lernen, wie man technische Probleme löst und richtig mit Daten umgeht?“

Fünf große Konzerne regulieren fast alles

Google, Facebook, Amazon – Sämtliche Internetaktivitäten werden laut Domscheit-Berg im Wesentlichen von einigen wenigen Konzernen reguliert und gesteuert. „Wenn wir uns nicht in die Hand dieser Konzerne geben wollen, sollten wir uns im Internet möglichst breit aufstellen und nicht sämtliche Dienste eines einzigen Anbieters nutzen“, sagt Domscheit-Berg. Bei dem Ist-Zustand werde es jedoch voraussichtlich nicht bleiben. So geht der Informatiker davon aus, dass Facebook für die jetzt heranwachsende Generation bereits keine Rolle mehr spielen werde. Und doch treibt ihm das größte soziale Netzwerk der Welt Sorgenfalten auf die Stirn: „Eine meiner größten Horrorvorstellungen ist, dass Facebook auf die Idee kommen könnte, Wahlen durchzuführen.“ Wenn mehr als eine Milliarde Menschen abstimmen würden, sei das eine Größe, die man nirgends mehr vernachlässigen könne.