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Weihnachten 1942 und 1953 Für einige Stunden war der Krieg verdrängt

Von Folkert Müller | 23.12.2017, 10:55 Uhr

Weihnachten 1942: Für einen 13-Jährigen war die Weltsicht geprägt von der NS-Propaganda. Elf Jahre später hatte sich der Blick auf die Dinge für Folkert Müller grundlegend verändert.

Die Sehnsucht nach einem friedvollen Leben in allen Bereichen bricht sich vor allem zu Weihnachten Bahn. Dies habe ich zweimal sehr intensiv auf ganz verschiedene Weise erlebt.

Weihnachten 1942 hat sich in meine Erinnerung eingebrannt. Als damals 13-Jähriger schwamm ich im Strom des Zeitgeistes, bestimmt durch die nationalsozialistische Ideologie: Demnach galt Adolf Hitler als der von Gott gesandte Retter. Er führe, so hieß es, aus der durch den Versailler Vertrag hervorgerufenen Finsternis in das Licht der Freiheit und damit in ein für Deutsche würdiges Leben.

Grüße von den Fronten des Krieges

Am Heiligen Abend sangen wir feierlich mit religiösen Empfindungen „Hohe Nacht der klaren Sterne“. Da Adolf Hitler sich in den letzten Kriegsjahren nicht mehr direkt mit einer Ansprache über Radio an das Volk wandte, war das die Aufgabe des Propagandaministers Goebbels. Wir hörten Radio Norddeich. Dieser Sender brachte Grüße von Soldaten aus dem eingekesselten Stalingrad, vom norwegischen Nordkap, vom französischen Atlantikwall und aus Nordafrika. An den Fronten herrschte Waffenruhe. Wir hatten keinen Fliegeralarm. Für einige Stunden war der Krieg verdrängt.

Beklemmendes Gefühl

Mich beschlich ein beklemmendes Gefühl. Die deutschen und italienischen Truppen in Nordafrika waren praktisch endgültig geschlagen. Die Rückzüge in Russland wurden mit „erfolgreichen Frontbegradigungen“ erklärt. Die Bombenangriffe auf deutsche Städte nahmen zu.

In der Familie und im Bekanntenkreis wurde nicht darüber gesprochen. Es entstand eine Apathie, die bis zum Ende des Krieges anwuchs. Wie würde der Weg ins Unvermeidliche aussehen?

Neuorientierung nach dem Krieg

Nach dem totalen Zusammenbruch und dem Bekanntwerden der entsetzlichen Gräuel während der Nazi-Diktatur war vielen gleichsam der Boden unter den Füßen weggerissen.

Meine Neuorientierung dauerte etliche Jahre. Die Verarbeitung meiner Kriegs- und Nachkriegserlebnisse führte dazu, dass ich 1949 mein Jurastudium abbrach und anfing, Theologie zu studieren.

Weihnachtspredigt in der Stadtkirche

Als Vikar hielt ich am Heiligen Abend 1953 um 23 Uhr in der Delmenhorster Stadtkirche den letzten von vier Gottesdiensten. Damals gab es noch viele Plätze auf den Emporen. Mein Predigttext war dem Johannesevangelium, Kapitel 8, Vers 12, entnommen. Jesus Christus spricht: „Ich bin das Licht der Welt! Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern der wird das Licht des Lebens haben!“