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Weiter Fahrräder gebraucht Der Drahtesel bringt Flüchtlingen Selbstständigkeit

Von Kai Hasse | 16.08.2017, 09:35 Uhr

Flüchtlinge brauchen Fahrräder. Sie bieten ihnen ein wenig Selbstständigkeit am Anfang im neuen Land. Verteilt werden Räder von Ehrenamtlichen der Diakonie. Und die Nachfrage bleibt hoch. Wer noch Fahrräder hat, soll sich melden.

Eine grundlegende Mobilität brauchen Flüchtlinge in Delmenhorst. Sie haben meist kein Auto, müssen sich aber um Kinder kümmern und zu ihren Integrationskursen kommen. Sie brauchen Fahrräder. Dass die ausgeteilt werden können, liegt unter anderem an Ehrenamtlern der Diakonie. Sie suchen weiter nach ausgedienten Rädern.

So ein Drahtesel kann das Leben eines Flüchtlings grundlegend verbessern. Ein Beispiel: Eine somalische Mutter kümmert sich um vier Kinder. Sie alle müssen in den Kindergarten oder zur Schule. Mit einem Rad geht das deutlich schneller, und die Mutter schafft es mit einem Rad, noch pünktlich zum Sprachkurs zu kommen. Das Beispiel nennt Wiebke Machel, seit Anfang des Jahres neue hauptamtliche Ehrenamtskoordinatorin des Diakonischen Werkes Delmenhorst/Oldenburg-Land. An der Seite hat sie fleißige Helfer: Gudrun Schumacher und Mazen Al Assad. Die beiden sind nicht einfach so bei der ehrenamtlichen Arbeit zu Kollegen geworden. Sie waren einmal Nachbarn. Daraus entstand eine dicke Freundschaft.

2015 kam die Aufbruchstimmung

Vor drei Jahren zog der 26-jährige Syrer Mazen nach Delmenhorst mit seiner Familie in eine Wohnung neben Gudrun Schumachers Heim. „Es war wie eine Familie“, sagt er, und er wirkt dabei selbst noch etwas verdattert über die Herzlichkeit, die er erlebte. Ein schlacksiger Kerl, sehr gutes Deutsch, schnurrender Bass. Er lernte Deutsch mit ihr und ihrem Mann. Und als der große Flüchtlingszuzug im Jahr 2015 kam, packte die beiden und Schumachers Mann Michael Heintze Aufbruchsstimmung. Sie engagierten sich für Projekte, die helfen sollten, unterstützt von der Diakonie. Mazen initiierte in Delmenhorst die Aktion „Wir sind nicht Köln“ nach den massenhaften Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht 2015/16 in der Metropole. Was früh großen Erfolg und Erleichterung für neue Familien brachte, waren die Fahrräder. „Wir hatten Anfragen von Betreuern von Flüchtlingen, aus Sprachkursen oder Kirchengemeinden“, sagt Schumacher. Die Räder, gesammelt von Spendern und in unterschiedlichsten Formen und Zuständen, gingen weg wie warme Semmeln. „Dabei haben wir irre viele nette Leute kennengelernt“, sagt Schumacher in der Rückschau. Einzelne Spender brachten ihre ausgedienten Fahrräder, wenn sie sich ein neues zugelegt hatten, oder Senioren, die nicht mehr rüstig genug waren, bescherten der Gruppe gleich einen ganzen Satz Drahtesel, einwandfrei in Schuss gehalten.

Hilfe sorgt für Integration

Ein Nebeneffekt des Bemühens wurde die Gemeinschaft. Die Aktionen für die Flüchtlinge, die Präsenz und Entschlossenheit der Helfer der „Fahrradgruppe Hasbergen“, wie man sich nannte, sorgte für Netzwerke, Nachahmer und Freundschaften. „Wer Hilfe von Ehrenamtlern bekommt, der hilft hinterher oft selbst ehrenamtlich“, sagt Koordinatorin Machel mit Blick auf ihre beiden Engagierten vor Ort. „Das“, meint sie, „das ist Integration.“

Mazen Al Assads und Gudrun Schumachers Arbeit ist lange nicht vorbei. Immer noch kommen stets neue Flüchtlinge ins Land. Zahlen der Stadt Delmenhorst bestätigen das: Die Zahl der Neubewohner mit irakischen, syrischen oder afghanischen Wurzeln steigen immer noch leicht. Machel erwartet in der Zukunft viele Flüchtlinge aus Afrika. Assads und Schumachers Mission wird weitergehen. Und immer noch brauchen sie Fahrräder – für den Weg zur Schule, zum Sprachkurs, zu neuen Freunden.

Auch Helfer werden gebraucht

Die Räder müssen nicht in einwandfreiem Zustand sein. Es gibt Werkstätten in Düsternort und im Wollepark, in denen kleine Reparaturen an den Rädern selbst erledigt werden können. Nur irreparabler „Schrott“ könne nicht gebraucht werden. Wer ein Fahrrad abzugeben hat, kann sich ab 15 Uhr bei Michael Heintze melden unter Telefon (04221) 70585. Fragen zum Hilfsangebot der Diakonie beantwortet Wiebke Machel unter (04221) 9816315 oder 0162 4720977. Dort kann man sich auch melden, wenn man selbst ehrenamtlich helfen will.