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Wenn Eltern wie Kinder werden Gruppe für Angehörige von Demenzkranken in Delmenhorst

Von Bettina Dogs-Prößler | 21.01.2019, 16:17 Uhr

Jeden letzten Donnerstag im Monat treffen sich Angehörige von Demenzkranken, um sich gegenseitig zu stärken und über die Krankheit zu informieren. Denn Betroffene sind häufig auf sich allein gestellt.

Die Veränderung begann schleichend. Mit verlegten Schlüsseln fing es an, dann die immer wiederkehrende Frage nach der Uhrzeit. Zusehends wurde Mutter tüdelig, immer öfter vergaß sie Worte, mit denen sie sonst keine Schwierigkeiten hatte, oder sie hörte plötzlich Dinge, die nicht da waren. Bis klar war, warum: Mutter verliert ihr Gedächtnis. Sie ist dement.

„Am Anfang war man so ahnungslos“, sagt der Mann mit Schal. „Wir wussten überhaupt nicht, wie wir damit umgehen sollen.“ Die anderen um ihn herum nicken. Es ist Donnerstagabend, fast jeder Platz am großen Tisch der Medidel-Tagespflege ist besetzt. Demenz ist offenbar ein Thema, das immer mehr Menschen betrifft. Ehefrauen sind hier und Töchter, Schwiegersöhne und Schwestern. Menschen, die sich kaum kennen, aber nur allzu gut verstehen, von was die anderen da erzählen. „Das ging mir auch so“, sagt die Frau mit den langen blonden Haaren. „Nur durch Eigeninitiative habe ich mir mein Wissen angeeignet.“

Jeden letzten Donnerstag im Monat treffen sich Angehörige von Demenzkranken in der Zeit von 17 bis 19 Uhr im Gemeinschaftsraum der Medidel-Tagespflege, um sich mit Menschen auszutauschen, die das gleiche Schicksal teilen. Denn: Sich um einen demenzkranken Angehörigen zu kümmern, ist ein Full-Time-Job, immer wieder zerrt er an den Nerven und stellt das alte Leben auf den Kopf. „Wenn ich hierher komme“, sagt die Frau im schwarzen Rollkragenpulli, „stehe ich oft kurz davor, überfordert zu sein. Gehe ich wieder weg, bin ich wieder wie aufgeladen.“

Demenz ist wie Bücherregal

Unverblümt erzählen die Männer und Frauen der Selbsthilfegruppe, was sie für wunderliche Situationen mit ihren Lieben erleben – und wie die sich von Tag zu Tag mehr von ihnen entfremden. „Die Demenz ist wie ein Bücherregal“, sagt Nicole Schulz. „Und in jeder neuen Phase fällt ein Buch zurück.“ Die gelernte Altenpflegefachkraft begleitet die Männer und Frauchen durch ihr fachliches Wissen und hilft den Angehörigen so, die Krankheit ihrer Ehepartner, Mütter oder Väter besser zu verstehen. Dazu kennt Schulz einen Teil der an Demenz Erkrankten als regelmäßige Besucher der Medidel-Tagespflege, die die Angehörigen für ein paar Stunden am Tag oder in der Woche von der anstrengenden Betreuung entlasten soll. So kann sie in bestimmten Fällen auch individuell unterstützen.

Aber auch untereinander stützen sich die Mitglieder der Selbsthilfegruppe. Sie teilen ihre Erfahrungen, wenn es um das Beantragen einer neuen Pflegestufe geht oder geben Tipps, wie mit einem neuen Verhalten umgegangen werden kann. „Die Tagespflege ist der Spielkreis für Erwachsene und die Selbsthilfegruppe der Elternabend“, sagt ein Mann mit Rollenkragenpulli süffisant. Lachen durchdringt den Raum. Ein weiterer wichtiger Punkt. Auch darin sind sich alle einig: „Ohne Humor ist es ganz aus.“

Bürokratischer Aufwand belastet

Bei den monatlichen Treffen lernen die Angehörigen aber auch, die Krankheit aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. „Es gibt nämlich auch ganz viel Schönes, das mit der Pflege verbunden ist“, sagt eine Frau, deren Mutter von der Krankheit betroffen ist. Dagegen fühlen sich viele von Ärzten und Behörden alleingelassen, steht die Diagnose Demenz erst einmal fest. „Es wird einem überhaupt nicht gesagt, wo man Unterstützung finden kann“, kritisiert die Frau mit den langen blonden Haaren. Eine andere fügt hinzu: „Ich habe weder vom Arzt noch vom Neurologen etwas an die Hand bekommen, das mich über die Krankheit aufklärt.“ Dazu komme zu dem hohen pflegerischen Aufwand oft auch noch ein hoher bürokratischer Aufwand, den viele als belastend empfinden. Und für viel zu übertrieben halten. „Mir ist es zu viel“, sagt eine Frau.

Diese Offenheit machen die zwei Stunden in der Gruppe auch so ausgesprochen wertvoll. Für manche ist diese Zeit der einzige Draht nach draußen. Umso bedachter ist Gruppenleiterin Nicole Schulz darauf bedacht, dass alle Angehörigen gestärkt aus dem Abend herausgehen. Und gut auf alles vorbereitet sind.

„Es wird eine Phase kommen, in der die Dementen zu Mutter und Vater wollen“, sagt sie. „Dann bestehen Sie nicht darauf, dass die Eltern nicht mehr leben, sondern führen Sie ein gemeinsames Gespräch über sie. So vermeiden sie negative Gefühle. Und seien Sie sich auch bewusst: Es kann von einem Tag auf den anderen sein, dass Sie nicht mehr erkannt werden.“