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Wenn Religion zur Ideologie wird Vortrag am HWK: „Islam bedarf der Modernisierung“

Von Alexander Schnackenburg | 15.07.2015, 18:02 Uhr

Wenn sich Muslime nur noch mit ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft identifizieren, steigt die Empfänglichkeit für radikale Ideologien. Das meint Professor Wolfgang Frindte bei einem Vortrag im Hanse-Wissenschafts-Kolleg.

Gefährlich wird es, wenn sich ein Muslim ausschließlich mit der muslimischen Gemeinschaft identifiziert: Wenn er also nicht mehr zwischen seinen Rollen wechselt, etwa jenen des Mannes, der eine Frau begehrt, des Arbeitnehmers, der die Fahne seines Arbeitgebers hochhält, oder auch des Freizeitsportlers, der sich mit seinen Sportkameraden identifiziert. Geht einem Menschen die gleichzeitige Identifikation mit verschiedenen sozialen Gruppen und Milieus verloren, so wird er empfänglich für radikale Ideologien, womöglich steigt seine Gewaltbereitschaft. Mit Religiosität im engen Sinn habe dieser Mechanismus nichts zu tun. Diesen „Befund“ hat am jetzt der Sozialpsychologe Prof. Wolfgang Frindte dem Publikum im Hanse-Wissenschafts-Kolleg (HWK) vorgestellt.

Religion als Teil des Ganzen

„Wenn Religion zur Ideologie wird – vom Islam zum islamistischen Fundamentalismus“ lautete der Titel seines Vortrags im HWK. Der Leiter der Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena verquickte in seinen Ausführungen eigene, über die hermeneutische Methodik gewonnene Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Interviews mit Daten etwa der Bertelsmann-Stiftung, doch auch mit theoretischen Einlassungen bekannter Forscher, nicht zuletzt des Sozialpsychologen Erich Fromm. Auch für Fromm war der Erfolg eines Gemeinwesens wie des Staates abhängig davon, wie gut sich seine Bewohner mit der kompletten Ordnung identifizierten, also mit der Summe der Gemeinschaften wie der beruflichen, der privaten und der familiären – sowie der Religion als Teil des Ganzen.

Terror unter dem Deckmantel der Religion

Frindte hat Fromms Theorie in gewisser Weise auf den Islam und das heutige Deutschland übertragen und bestätigt die Theorie letztlich aufgrund empirischer Erhebungen und Analysen. Allerdings müsse nicht allein die hiesige Gesellschaft zugänglicher und transparenter werden, um terroristischer Gewalt entgegenzuwirken, die Mitbürger davon abzuhalten, zum Islamischen Staat überzulaufen. Die Muslime müssten sich unabhängig davon mit der Frage befassen, weshalb so viel Terror unter dem Deckmantel ihrer Religion ausgeübt werde, gerade seitens der Sunniten. In Frindtes Augen bedarf der Islam der Modernisierung.