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Wiederaufforstung nach dem Krieg Monotone Waldarbeit brachte mehr Butter aufs Brot

Von Dirk Hamm | 31.12.2016, 10:04 Uhr

Stolz zeigt Hanna Fischer die silberne Medaille her, die ihr im Frühjahr dieses Jahres von den Niedersächsischen Landesforsten verliehen wurde. Eine junge Frau, die einen Eichensetzling pflanzt, ist darauf zu sehen – das von der Rückseite der alten 50-Pfennig-Münze bekannte Motiv.

Die Delmenhorsterin war eine der „Kulturfrauen“ der Nachkriegsjahre, die im Emsland und anderswo in Niedersachsen bei der Wiederaufforstung der kahlgeschlagenen Wälder eine enorme Leistung vollbrachten. Auch als „Trümmerfrauen des Waldes“ wurden sie später bezeichnet.

16 Jahre war die aus Ostpreußen Geflohene alt, als sie sich im März 1947 zu der Waldarbeit meldete. Spärliche 46 Pfennig in der Stunde habe es für die Schufterei gegeben, erinnert sich die 86-Jährige. Doch das Geld sei nicht die ausschlaggebende Motivation gewesen: „Die Bezahlung hat uns nicht interessiert. Wir haben das wegen der Schwerstarbeiterzulage gemacht.“ Noch waren die Lebensmittel rationiert, und dank der Zulage gab es unter anderem mehr Milch und Butter – ein Zubrot im wahrsten Sinne des Wortes.

Flucht über das zugefrorene Haff

Mit ihrer Mutter erlebte der Teenager Anfang 1945 die Schrecknisse der Flucht aus der Heimat über das zugefrorene Haff. Hanna Fischer wurde von ihrem Vater getrennt, erst Ende 1948 sollte sie ihn als Rückkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft wiedersehen. Die Flucht gen Westen endete im März schließlich im kleinen emsländischen Ort Biene, wo Mutter und Tochter auf einem Bauernhof untergebracht wurden.

Neuanfang im kleinen emsländischen Ort Biene

Nachdem sie in Lüneburg zur Schule gegangen war und die mittlere Reife geschafft hatte, kehrte die sportliche 16-Jährige nach Biene zurück, mit dem Traum, Sportlehrerin zu werden. Doch die unmittelbare Realität war zunächst die Waldarbeit, nachdem sie sich beim Forstamt in Lingen gemeldet hatte. Eine monotone Vollzeitarbeit sei es gewesen, berichtet die langjährige Delmenhorster Gästeführerin: „Das Pflänzchen wurde in das Loch gesteckt, dann die Erde angetreten, so ging das den ganzen Tag.“

Waldarbeit nach der Währungsreform aufgegeben

Die Zeiten wurden besser, acht Wochen nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 beendete Hanna Fischer ihre Tätigkeit als ungelernte Waldarbeiterin. Mit einem Schreibmaschinen- und Stenokurs startete sie in ein mehr Möglichkeiten versprechendes Berufsleben. Zunächst in Meppen, später dann in Delmenhorst und in Ganderkesee arbeitete sie als Sekretärin, zuletzt war die Stadt Delmenhorst ihr Arbeitgeber.

Reparationen trugen auch zum Kahlschlag bei

Zum Kahlschlag der niedersächsischen Wälder, insbesondere in Harz, Solling, Heide und Weser-Ems, haben nach 1945 auch die sogenannten Reparationshiebe der Briten und Niederländer beigetragen – aber nicht in dem Ausmaße, wie oft angenommen, erklärt Rainer Städing vom Forstamt Ahlhorn. Forschungen haben demnach ergeben, dass die Reparationen für elf Prozent des beträchtlichen Kahlschlags von 140000 Hektar Wald – circa 15 Prozent der gesamten Waldfläche in Niedersachsen – verantwortlich waren.

Bereits im Krieg habe die Übernutzung der Wälder begonnen, so Städing, und bis 1948/49 habe der Bedarf an Holz zum Heizen in den harten Wintern und für den Wiederaufbau den Holzeinschlag befördert.