Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Theaterabend in Delmenhorst „Willkommen bei den Hartmanns“ kratzt nur an Oberfläche

Von Jasmin Johannsen | 04.05.2019, 19:58 Uhr

Vor ausverkauften Reihen ist am Freitag im Kleinen Haus in Delmenhorst die Theaterfassung des Kinoerfolgs „Willkommen bei den Hartmanns“ gezeigt worden. Auf ohne Tiefgang konnte die Komödie bei den Zuschauern punkten.

Im Kino läuft der Clash der Kulturen ganz einfach ab: Erst ist man sich nicht so grün, dann rauft man sich doch zusammen – und am Ende wird alles gut! Simon Verhoeven feierte 2016 mit der Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ und diesem Konzept einen der größten Kinoerfolge der vergangenen Jahre. Am Freitag war die Theaterfassung des Films im Kleinen Haus zu sehen. Vor ausverkauften Reihen witzelte sich das Ensemble durch den Klamauk rund um eine gutbetuchte Spießbürgerfamilie und einen afrikanischen Geflüchteten.

Deutschland sucht den Superflüchtling

Ein Casting zur Aufnahme eines Flüchtlings? Muss schon sein, finden zumindest die Hartmanns. Bitte ohne Großfamilie, in Deutschland registriert, nicht zu alt und nicht zu jung – und wenn möglich in Haushalt und Garten anpackend – ach, und deutsch sprechen sollte er am besten auch. Auf den Nigerianer Diallo (beeindruckend gespielt von Derek Nowak) treffen diese Attribute zu. Prompt darf er in den Keller der Münchener Villa einziehen. Das freut vor allem Mutter Angelika (Antje Lewald), hat sie doch als pensionierte Lehrerin und nach dem Auszug der Kinder schon länger ein neues Projekt gesucht. Mit Katze, Wein und Ehekrise kann man sich eben nicht ewig die Zeit vertreiben.

Auch Tochter und Langzeitstudentin Sophie (Caroline Klütsch) ist entzückt über den Neuankömmling, hält der doch prima als Kummerkasten für ihre Liebesprobleme her. Nur die Männer der Familie – der alternde Chefarzt Richard (Steffen Gräbner) und Workaholic Philipp (Marc-Andree Bartelt) – zweifeln an der Idee, sind aber sowieso eher von der Pegida-Fraktion.

Als dann auch der junge Arzt Tarek (Felix Hoefner) dem Familienoberhaupt den Rang abläuft, Philipps Sohn Basti (Stimme aus dem Off: Fabian Bleiziffer) Diallo für sein Gangster-Rap-Video engagieren will, die Kollegin von Angelika (Juliane Ledwoch in mehreren Rollen) eine Drogenparty in der Villa feiert und ein unnachgiebiger Polizist (ebenfalls in mehreren Rollen: Peter Clös) Diallo auf dem Kieker hat, ist das spaßige Chaos für die Hartmanns perfekt – Diallo allerdings könnten die Umstände das Asyl kosten.

Oft platte Witze

Auf Political Correctness verzichtete die Theaterfassung genauso wie der Kinofilm. Ob längst überholte Klischees, latente Vorurteile, derbster Ausländerhass oder das überdrehte Treiben von vermeintlichen „Gutmenschen“ – ausgeteilt wurde in alle Richtungen. Die wenigen tieferschürfenden Szenen – wenn Diallo etwa ergreifend erzählt, dass seine ganze Familie Boko-Haram-Anhängern zum Opfer fielen – wurden leider allzu oft von platten Witzen und peinlichen „Versprechern“ á la „Es gibt ja auch immer ein paar Schwarze unter den Schafen“ überlagert.

Vor drei Jahren mag der Film ja noch als unverkrampfte Komödie wahrgenommen worden sein, nach Nazi-Aufmärschen in Chemnitz und Köthen hat die Thematik allerdings mittlerweile eine andere Dimension aufgenommen. Darf man über das Flüchtlingsthema eine Komödie machen? Na klar, aber dann auch bitte mit Tiefgang. „Willkommen bei den Hartmanns“ schaffte das leider nur sehr selten. Das Publikum fühlte sich trotzdem gut unterhalten und spendete dann auch einen lang anhaltenden Schlussapplaus.