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„Wir verstehen sie einfach nicht“ Delmenhorster Tafel kämpft mit Sprachbarrieren

Von Frederik Grabbe | 28.08.2015, 08:52 Uhr

2500 Bedürftige beziehen in der Stadt über die Tafel Lebensmittel. Gerade der Anteil der Flüchtlinge ist dieser Tage groß. Wenn es nach der Tafel geht, könnte die Stadt ihre Hilfe noch ausbauen.

Wer hilft, ist bekanntlich glücklicher. Aber: Wer hilft, braucht auch starke Nerven. Ein Satz, der dieser Tage bei der Essensausgabe der Delmenhorster Tafel in der Elbinger Straße 8 wahr wird. Nie zuvor haben so viele Flüchtlinge in Deutschland Schutz gesucht wie in diesen Monaten. Das spüren auch die Mitarbeiter der Essenausgabe der Delmenhorster Tafel. Hilfe ist bitter nötig, das bleibt auch dem nicht verborgen, der über die Tafel schreiben will. Also: nicht lang schnacken, anpacken.

Chips, Kaffeesahne und Schokostreusel

Die Tafelvorsitzende Walburga Bähre hat dieses Motto verinnerlicht und schiebt den Schreiberling prompt an die Kasse, wo auch Grundnahrungsmittel ausgegeben werden. Diese bestehen in diesem Fall aus Spenden von rund 35 Supermärkten, Bäckereien oder Herstellern aus der Region. Das Nötigste, was der Mensch zum Leben braucht, setzt sich am heutigen Montagmorgen zusammen aus Chips, Schokostreusel, Kaffeesahne, Tortenguss, Cornflakes, Grillsauce und einem Softdrink mit dem blumigen Namen „Jungle Energy“. Kommt eine Familie mit Kind, gibt es Süßigkeiten dazu oder je nach Alter auch Babybrei. Wer dieses erste Paket in der Ausgabe erhalten darf, darüber entscheidet heute Evelyn Zillmer. „Mehl, Zucker oder Öl sind eigentlich die Grundnahrungsmittel, die wir benötigen. Aber wir verteilen eben, was wir erhalten.“

Zwei Euro pro Person

Was Bedürftige bekommen, ist trotzdem nicht wenig: Der Korridor hinter der Kasse führt in einen Raum, in dem Obst und Gemüse verteilt werden, im nächsten finden sich stapelweise Brot, Brötchen und Kuchen. Am Flurende werden gekühlte Waren verteilt. Kartoffelsalat, Salami, Joghurts und vieles mehr. Das alles ist für zwei Euro pro Person zu haben. Wer sich hier essen holt, muss nicht hungern.

Ab September wird es wieder voll

Allein in Delmenhorst sind laut Bähre bei der Tafel rund 2500 Personen registriert, die sich an einem von drei Ausgabetagen Lebensmittel abholen können. In Ganderkesee und Hude, die die Tafel auch versorgt, sind es noch einmal je 300. „Jetzt ist Ferienzeit. Heute sind noch relativ wenige Menschen hier“, sagt sie. „Ab September wird es hier wieder richtig voll.“

Wer berechtigt für Lebensmittel ist, ist genau verzeichnet

Wieder an der Kasse verlangt die Ehrenamtliche Zillmer von jedem Bedürftigen einen eingeschweißten Tafel-Ausweis und einen Personalausweis oder Reisepass. Lebensmittel erhalten etwa Personen mit Bescheid vom Jobcenter, Arbeitsagentur oder Sozialbehörde. Verdient man als Erwachsener beispielsweise weniger als 968 Euro monatlich oder als Haushalt mit zwei Erwachsenen weniger als 1407 Euro, ist man ebenfalls empfangsberechtigt. Wer zum ersten Mal da ist und gültige Papiere bei sich trägt, wird gleich am PC in eine Liste eingetragen. Name, Wohnort oder Anzahl der Personen, die über den Ausweis Nahrungsmittel erhalten, sind exakt verzeichnet.

Zettelwirtschaft und Sprachbarriere

In letzter Zeit kommen besonders viele Flüchtlinge zur Tafel. Auf dem Bildschirm liest sich häufig der Name „Düsternortstraße“. „Die Lage des Stadionheims“, sagt Zillmer. Dass viele Menschen fremd im Land sind, wird bei der Essensausgabe vor allem an der Sprache deutlich. Ein junger Haitianer ist zum ersten Mal bei der Tafel. Er wirkt gepflegt und tritt höflich auf – doch einen Pass trägt er nicht bei sich. Er hat eine wahre Zettelwirtschaft an Dokumenten in einer Plastikfolie dabei. Doch Zillmer muss wissen, wie lange der Mann noch im Land geduldet ist. Aber das kann sie ihm nicht mitteilen. „Ich kann leider nichts tun“, sagt sie dem verständnislosen Mann. Sie schreibt ihm auf einen Zettel, was sie benötigt und schickt ihn weg. „Ich hoffe, dass er jemanden findet, der für ihn übersetzt“, sagt sie. „Mehr kann ich jetzt einfach nicht machen.“

„Das bekommen wir schon alles hin“

Kurz darauf versteht eine ältere Frau vom Balkan nicht, wie viel Geld sie zu bezahlen hat. „Zwei Euro“, bedeutet ihr Zillmer mit den Fingern. Es hilft nichts. Die Dame sucht Cent-Stücke aus ihrem Portemonnaie. „Das ist zu wenig.“ So geht es eine Weile, bis Walburga Bähre, von den Mitarbeitern Walli genannt, einschreitet. „So, ich helfe ihnen Mal. Hier sind doch zwei Euro. Das Kleingeld auf dem Tisch ist ihrs.“ Sie geleitet die Frau noch zu den Bananen und hält ihr die Tüte auf. „Sehen Sie? Das bekommen wir schon alles hin.“ Einige Flüchtlinge sprechen gutes Englisch und sehen so aus, als wären sie im Heimatland nicht auf die Hilfe anderer angewiesen gewesen. Ein syrischer Familienvater beginnt an einer Stelle, das Alter seiner Kinder zu nennen. Doch ein echtes Gespräch ergibt sich nicht. Chips, Obst, Brot und Co. wollen an die Nachrückenden verteilt werden.

„Wir fühlen uns stiefmütterlich behandelt“

„Viele Flüchtlinge wissen oft nicht, welche Dokumente sie vorzuzeigen haben. Und wir verstehen sie einfach nicht“, sagt Bähre in einer Pause. Die Tafelvorsitzende übt Kritik an der Stadt. „Die Verwaltung könnte sie besser vorbereiten.“ Zudem wünscht sie sich Integrationslotsen für die Essensausgabe, die vor Ort übersetzen. „Manche von uns sprechen zwar Englisch oder Französisch. Das hilft uns aber oft nicht weiter, wenn die Kunden aus dem Irak, Syrien, Albanien, Zentralafrika oder Mazedonien kommen.“ Die Lotsen arbeiteten aber ebenfalls ehrenamtlich, habe die Stadt argumentiert. „Die Verwaltung könnte aber besser vermitteln“, sagt Bähre. „Wir fühlen uns stiefmütterlich behandelt.“ Das beziehe sich auch auf die generelle Zusammenarbeit. „Wir wussten gar nicht, wann die ersten Flüchtlinge ins Stadionheim ziehen. Diese sind aber zu uns gekommen, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Wären wir informiert worden, hätten wir uns darauf einstellen können.“

Großer logistischer Aufwand

Ein weiterer Punkt, der an den Nerven der Helferinnen und Helfer zehrt, ist die räumliche Situation . Die Lager der Tafel befinden sich in Adelheide und auf der Großen Höhe. Die Ausgabe an der Elbinger Straße ist klein. Das Abholen der Spenden von den Spendern, das Zwischenlagern und die Belieferung der Ausgabe bedeutet großen logistischen Aufwand. Der Tag für die Fahrer beginnt oft schon vor 5 Uhr, auch weil sie mehrmals fahren müssten. „Die meisten unserer Helfer sind Rentner“, sagt Bähre. „Sie haben zwar Zeit, aber die frühe Uhrzeit schreckt sie ab.“ Darum fehle es an Fahrern. Neue Räumlichkeiten, aktuell sei man bei der GSG untergebracht, würden die Arbeit der Helfer erleichtern - und so auch die Hilfe für Bedürftige effizienter gestalte n. Auch hier wünscht sich Bähre eine bessere Vermittlungstätigkeit der Stadt.

Durch Hilfe etwas zurückgeben

Bei allem Frust, der sich durch Sprachbarriere und Kundenandrang auftut: Die Ehrenamtlichen helfen gerne. „Es ist mir im Leben gut gegangen. Ich möchte etwas zurückgeben“, sagt die ehemalige Tagesmutter Brigitte Radhecke, die am Gemüse- und Obststand hilft. „Und es macht mir Spaß zu helfen.“ Dann pfeift sie scherzhaft einen anderen Helfer zurück: „Mit deinem Kohlrabi kannst du heute zuhause bleiben“, ruft Radhecke, als er einen Wagenladung des Gemüses anrollt. Wenn man so will, verzehren bei der Tafel die Bedürftigen die Reste der Überflussgesellschaft. Die Konsumenten scheinen des Kohlrabis momentan überdrüssig zu sein. Auch bei Bedürftigen ist er auch nicht sonderlich beliebt. „Gerade die Flüchtlinge kennen Kohlrabi nicht. Ihnen erklären, wie man ihn zubereiten kann, können wir nicht“, so Radhecke.

Die Verständnislosigkeit weicht ein Stück

Bei allen Sprachbarrieren gibt es doch auch kleine Geschichten, die gut ausgehen. Der Haitianer von vorhin hat offensichtlich einen Übersetzer gefunden und hat das richtige Dokument mitgebracht. Nachdem er sein Paket mit Grundnahrungsmitteln erhalten hat, grinst er breit und bedankt sich. Die Verständnislosigkeit ist ein Stück weit gewichen. Heute hat die Tafel in Delmenhorst in insgesamt 70 Fällen Menschen mit Lebensmitteln versorgt. Der junge Mann ist einer von ihnen.