Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Zehn Jahre Nichtraucherschutzgesetz Als die Delmenhorster draußen rauchen mussten

Von Sascha Sebastian Rühl | 01.07.2018, 19:26 Uhr

Nur weniges hat die Restaurant- und Kneipenszene in Delmenhorst so sehr verändert, wie das NIchtraucherschutzgesetz. Vor zehn Jahren war bundesweit Schluss mit dem Qualm im Restaurant, in Niedersachsen sogar schon früher.

Drei Monate Gnadenfrist blieben den Delmenhorster Wirten im August 2017, bis harte Strafen für ungeschützte Nichtraucher fällig werden würden. Ab 1. November wurden Verstöße gegen das niedersächsische Nichtraucherschutzgesetz geahndet, die Sorge war vorher groß. Auch ohne den Vorstoß aus Niedersachsen: Am 1. Juli 2008, also vor zehn Jahren, zog auch der Bund nach.

Klingeln vor dem Rauchen

Peter Willenbrock, der das „Baristo“ an der Cramerstraße betrieb, sagte dem dk damals: „Wenn ich die Raucher ausgrenze, kann ich schließen.“ Willenbrock behielt Recht. Einen Monat später sagte er: „In zahlreichen Kneipen und Bistros bleiben 30 bis 40 Prozent der Gäste weg“. ,Seine Definition von Nichtraucherschutz sah so aus, dass Gäste an der Tür klingeln mussten, dann wurden sie an der Tür aufgeklärt, dass es im Baristo nur eine optische Trennung zwischen Rauchern und Nichtrauchern gebe. „70 Prozent meiner Gäste sind nun einmal Raucher.“ Einen Kredit für einen separaten Raucherraum bekam er nicht bewilligt, das Ordnungsamt mahnte zweimal. Das Baristo schloss vor der Dritten, die einen Verlust der Konzession bedeutet hätte, seine Türen. Andere Wirte wurden erfinderisch: Im Café Olé im City Point stellte Inhaberin Milijana Pakull im Winter ein Gartenhäuschen mit Belüftungsanlage auf, damit ihre Kunden dort weiter rauchen konnten. Im Winter die Gäste zum Rauchen vor die Tür zu schicken, erschien niemandem als gewinnbringende Idee.

Späte Rettung für kleine Kneipen

Dabei hatte Willenbrock auf Zeit gespielt und auf ein Gesetz gehofft, dass ihm seine Raucher als Kunden erhalten könnte. Erst mehr als ein halbes Jahr nach Erlass des Gesetzes wurde kleinen Ein-Raum-Kneipen mit einer Fläche von unter 75 Quadratmetern erlaubt, selbst zu entscheiden, ob sie Rauchen erlauben oder nicht. Allerdings: Wer vom Verkauf zubereiteter Speisen lebte, musste weiter räumlich trennen.

Gegenwehr aus Delmenhorst

Vor dem Inkrafttreten des Gesetzes gab es große Gegenwehr aus Delmenhorst. Auf Initiative Willenbrocks hatten sich rund 50 Gastronomen in der Arbeitsgemeinschaft Niedersächsischer Gastwirte (Arge) zusammengeschlossen, um vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das Gesetz aus Niedersachsen zu klagen. Nichtrauchen im White Lion? 125 Leute verewigten sich dort an nur drei Tagen auf einer Unterschriftenliste gegen das Rauchverbot. „Viele haben schon gesagt: ,Im Winter siehst du uns hier nicht‘“, berichtete Wirtin Gabi Spalka kurz nach dem Inkrafttreten des Gesetzes. „Was habe ich davon, wenn die Luft gut ist, aber keine Gäste kommen?“ Schließlich fand das „White Lion“ eine Lösung: Der reine Gästebereich war klein genug, um nicht von dem neuen Gesetz betroffen zu sein – und konnte ein Raucherlokal werden. Mit einem Dreh: An zwei Tagen in der Woche ist rauchfrei, und dann gibt es auch warme Gerichte.

Existenzängste plagen Wirte

Bei vielen ging es um bloße Existenzängste. „50 Prozent Umsatzrückgang“, meldete Ebrahim Nikmehr, Wirt des „La Vida“ an der Schulstraße schon wenige Tage nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes. Er hatte Anfang des Jahres erst Wasserpfeifen in seinem Lokal eingeführt. „Ich weiß nicht, ob das ,La Vida‘ bis zum Monatsende überlebt.“ Heute existiert dort stattdessen eine Shisha-Bar. Nikmehr sammelte Unterschriften gegen das Nichtraucherschutzgesetz und bat bei der Landesregierung um eine Sondergenehmigung. Bei anderen ging gar die Angst vor dem Raucher selbst um. Ein Gastronom fragte sich damals: „Wenn 300 Leute im Saal sind und drei davon rauchen in einer Ecke, werde ich dann als Gastwirt bestraft?“

Große Umbauten nötig

Tarek Cirdi, Inhaber des Lokals Riva, baute seinen Laden vor zehn Jahren gleich zweimal um. Der extra gebaute Raucherraum wurde so stark frequentiert, dass er ihn in einem zweiten Schritt noch einmal vergrößerte. „Für mich war diese Zeit nicht so schwierig, weil ich die Möglichkeit hatte, mich räumlich zu vergrößern“, sagt er heute. Die Investition habe sich gelohnt, da er so nicht auf die Raucher als Kundschaft verzichten musste. „Andere hatten es schwieriger, ein paar haben zugemacht.“ Nach zehn Jahren hätten sich die Kunden langsam daran gewöhnt. Auch in Manuel Mutlus Markteins wurden Räumlichkeiten umgebaut.

Folgen bis heute spürbar

Dennoch sei die Verweildauer von Rauchern in Nichtraucherlokalen bis heute gesunken, betont Tarek Cirdi. „Es gibt deswegen Umsatzeinbußen. Raucher sind Genießer, die auch in Ruhe einen Kaffee trinken und dabei rauchen wollen. Das zweite oder dritte Getränk kommt für manche Raucher nicht mehr in Frage.“ Dafür, gibt der Wirt zu, sei es für Familien durch die räumliche Trennung wohl attraktiver geworden, Essen zu gehen.