Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Holocaust-Überlebende Bejarano (94) Zeitzeugin mit hoher Präsenz auf Delmenhorster Bühne

Von Frederik Grabbe | 08.02.2019, 14:34 Uhr

Es geht nicht immer nur darum, was gesagt wird. Manchmal gibt den Ausschlag, wer etwas sagt. Wenn jemand wie Esther Bejarano (94) über Diskriminierung spricht, verleiht ihre Stimme dem Gesagten noch einmal mehr Nachdruck. So wie jetzt am Donnerstagabend im Kleinen Haus.

Die 94-Jährige hat den Holocaust überlebt. Nach ihrer Deportation nach Auschwitz im Jahr 1943 sicherte ihr zunächst die Aufnahme in den Mädchenorchester das Überleben. 1945 floh sie während eines Todesmarschs und rettete sich aus den Fängen der Nazis. Heute steht Bejarano auf Bühnen im Land, erzählt aus ihren Erinnerungen – und gibt, wie am Donnerstag im fast voll besetzten Kleinen Haus, gemeinsam mit der „Microphone Mafia“ Konzerte. Sie vermischten Rap-Zeilen mit alten Schlagern oder jiddischen Liedern.

Hohe Präsenz auf der Bühne

Als Esther Bejarano die Hymne des jüdischen Widerstands ankündigt, klingt das fast wie das eigene Lebensmotto. Übersetzt heißt das Lied: „Sage nie, du gehst den letzten Weg.“ Doch trotz ihres fortgeschrittenen Lebensalters und obwohl sie gesundheitlich angeschlagen war, brachte die 94-Jährige eine Präsenz auf die Bühne, der sich im Saal niemand entziehen konnte. Mindestens einen Kopf kleiner als ihre deutlich jüngeren Kollegen, das Haar komplett weiß – und dennoch stand Bejarano aufrecht, fest. Textsicher, mit starker Stimme vereinnahmte sie gerade bei den von ihr gesungenen Refrains den Raum. Selbst das Tanzbein schwang sie zwischendurch mit Rapper Kutlu Yurtseven.

Artisten und Circus

Eingebettet war dieser Abend in den Projekttag mit dem Titel „Keine Zukunft ohne Erinnern - Erinnern für die Zukunft“, der am Max-Planck-Gymnasium stattfand. Zusätzlich las die Projektgruppe Circus im Nationalsozialismus (CiNS) der Zirkusschule Seifenblase aus Oldenburg aus den Erinnerungen der verfolgten jüdischen Circusartistin Irene Bento und gaben parallel dazu artistische Einlagen. Zwar verstärkten nicht alle Darbietungen das Gelesene. Zu schwungvoll und impulsiv geriet etwa die Tanzeinlage über Bentos Liebesbeziehung. War es doch ein überwiegend trübes, depressives Stück. Umso eindrücklicher untermalte die Gruppe dann wieder die Erzählung von Bentos Geburt, wie sie den Kaiserschnitt unter SS-Leuten fast ohne Schmerzmittel ertragen musste – die waren für die deutschen Soldaten vorbehalten. Dazu rieb sich eine Feuerartistin zunächst mit den Fackeln über die Arme und schluckte die Flamme anschließend. Das sinnbildliche Brennen erstreckte sich beim Publikum über alle Gliedmaßen.

Minderheiten mit Würde im öffentlichen Raum

Mit diesem Format zeigten die Beteiligten, was es benötigt, damit auch Minderheiten ein Leben in Würde und Freiheit verbringen können: öffentlichen Raum, eine Stimme – und Zuhörerinnen und Zuhörer. „Wenn wir es vorziehen zu schweigen, wird uns das Schweigen irgendwann erschlagen“, mahnte Rapper Kutlu Yurtseven und schlug damit den Bogen zur heutigen Zeit. Aus diesem Schweigen heraus hätten sich erst Extremisten wie der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) bilden und morden können. Dafür erhebt auch die 94-jährige Esther Bejarano ihre Stimme – und singt noch immer das Lied, mit dem sie in Auschwitz am Akkordeon in das Mädchenorchester aufgenommen wurde: „Du hast Glück bei den Frau'n, Bel Ami“.