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Zertifikat für Prävention Delmenhorst einzige „sichere Stadt“ in Deutschland

Von Sonia Voigt | 19.11.2017, 09:00 Uhr

Für ihre vorbildliche und in Deutschland einzigartige Präventionsarbeit ist die Stadt Delmenhorst für weitere fünf Jahre mit dem Prädikat „Safe Community“ als sichere Stadt von der Weltgesundheitsorganisation ausgezeichnet worden.

Rund 60 lokale und überregionale Gäste erlebten am Samstag mit, wie Dr. Johann Böhmann als treibende Kraft vor Ort und Oberbürgermeister Axel Jahnz das Zertifikat von Guldbrand Skjönberg vom International Safe Community Certifying Centre (ISCCC) erhielten. Delmenhorst sei seit Jahren als „gute Modell-Kommune“ Vorbild für andere, lobte der aus Stockholm angereiste Gast. Dass die Stadt hier Botschafter sei, sei auch dem enthusiastischen und klugen Einsatz von Böhmann zu verdanken, der bis zu seiner Pensionierung Chefarzt der Kinderklinik war.

Mehr Tode durch Unfälle als durch Krebs und Herzkrankheiten

Skjönberg arbeitete die Wichtigkeit des Themas Unfallprävention mit eindrucksvollen Statistiken heraus. Seine Botschaft: „Es wird viel mehr über Krebs und Herzkrankheiten geforscht als über Verletzungen, aber es gehen viel mehr Lebensjahre durch Unfälle verloren.“ Zudem werde im Bereich der Unfallprävention viel in die Vorbeugung von Verkehrsunfällen investiert, obwohl Verletzungen durch Stürze viel häufiger seien und höhere Folgekosten verursachen, so der ISCCC-Manager. Zum Thema Verkehrsunfälle gab Böhmann der Delmenhorster Politik und Verwaltung noch Stoff zum Nachdenken mit: „Wenn Fußgänger angefahren werden, sterben bei Tempo 30 zehn Prozent der Unfallopfer, bei Tempo 50 sind es 90 Prozent.“

Experten für Kindersicherheit sprechen bei Symposium

Vorweg ging der feierlichen Verleihung ein Symposium, bei dem mit Dr. Gabriele Ellsäßer aus Brandenburg und Dr. Matthias Albrecht aus Dortmund zwei deutschlandweit anerkannte Experten über Kindersicherheit sprachen. Ellsäßer erläuterte, dass bundesweit jährlich 450 Kinder bei Unfällen sterben – 60 davon könnten überleben, wenn Deutschland dem Vorbild des in dieser Hinsicht sichersten EU-Landes Großbritannien folgen würde, so Ellsäßer. „Dort wird jeder tödliche Unfall eines Kindes dokumentiert und analysiert“, ergänzte die Brandenburgerin; „ und dann wird nach den Erkenntnissen gehandelt.“ Delmenhorst als „Safe Community“ tut dies bereits, andernorts geschieht es nicht systematisch. Zudem erhielten britische Familien Hausbesuche von Krankenschwestern, die über Unfallprävention informieren.

„Kleinkinder gehören nicht aufs Trampolin“

Konkret pickte Ellsäßer Trampolinunfälle heraus und sagte klar: „Kinder unter sechs Jahren gehören nicht aufs Trampolin.“ Ein kleines Skelett halte der monotonen Belastung schlecht stand, es drohen Ermüdungsbrüche. Bei älteren Kindern bestehe eher Gefahr, wenn mehrere auf einem Trampolin springen oder Ungeübte Kunststücke wie den Salto probieren. „Das Trampolin ist insbesondere für Kleinkinder nicht entwicklungsfördernd“, bekräftigte Albrecht vom Runden Tisch für Kinderunfälle in Dortmund – ganz anders sei es mit dem Spielen draußen. Daher werden in Dortmund Freiwillige ausgebildet, die mit Kindern draußen spielen und Spielplätze und Freiflächen werden wiederbelebt. „Das Spielen draußen muss in den Alltag eingebunden und nicht einmaliges Event sein“, forderte er.

Runder Tisch als Herzstück der Delmenhorster Präventionsarbeit

Herzstück des Delmenhorster Einsatzes für die Vorbeugung von Verletzungen ist das vor 20 Jahren gegründete Präventionsnetzwerk „Runder Tisch für Unfallprävention“, das Böhmann zu Beginn vorstellte. Weitere konkrete Bausteine wurden ebenfalls vorgestellt, so präsentierten JHD-Unfallklinik und Polizei das Programm „P.A.R.T.Y.“, das Schüler mit Unfallverletzungen konfrontiert, und AOK-Mitarbeiter Axel Günther stellte das Rollator-Training in DELBUS-Bussen vor.