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Zum Tode Helmut Schmidts Rhetorische Spitzen vor dem Delmenhorster Rathaus

Von Dirk Hamm | 13.11.2015, 16:52 Uhr

Der Tod von Altkanzler Helmut Schmidt weckt Erinnerungen an Auftritte des großen Sozialdemokraten in 1976 hörten ihm 8000 Menschen vor dem Rathaus zu.

Einen volksnahen Bundeskanzler haben die Delmenhorster am 31. August 1976 erlebt: Helmut Schmidt legte wenige Wochen vor der Bundestagswahl am 3. Oktober einen Wahlkampfstopp in der Delmestadt ein, und nach der Kundgebung ließ es sich der Regierungschef nicht nehmen, sich unter die Menschen zu mischen und Hände zu schütteln – in der Hochphase des RAF-Terrorismus der 70er Jahre ein Graus für die Personenschützer. 8000 Menschen waren auf den Rathausplatz gekommen, um den Nachfolger von Willy Brandt reden zu hören.

Unter den Zuhörern befand sich Harald Groth, der damalige Delmenhorster Oberbürgermeister stand zwei Schritte hinter dem Kanzler und Parteifreund auf dem Podium. Vorher habe es in seinem Amtszimmer ein Gespräch in kleiner Runde mit Helmut Schmidt gegeben, erinnert sich Groth. Mit im Raum waren Bürgermeisterin Gertrud Steffen und der Bundestagsabgeordnete Heinrich Müller, allesamt Mitglieder der SPD. Sie erlebten einen Schmidt, wie ihn auch Jahrzehnte später noch viele Menschen respektieren und bewundern sollten: „Er war wie immer beeindruckend und bestimmt. Er hat sich über den Aufwand mokiert, der für seine Sicherheit betrieben wurde.“

Helmut Kohl nur weniger Worte gewürdigt

In seiner Rede auf dem Rathausplatz habe er sich mit rhetorischen Attacken an seinem großen Widersacher Franz-Josef Strauß abgearbeitet. Dabei war der CSU-Vorsitzende erst bei der nächsten Bundestagswahl vier Jahre später Herausforderer des Bundeskanzlers. Den Unions-Kanzlerkandidaten des Jahres 1976, Helmut Kohl, würdigte der wahlkämpfende Sozialdemokrat hingegen nur weniger Worte. „Aus der Menge kam Applaus und breite Unterstützung. Nur von ganz hinten gab es vereinzelte Pfiffe“, berichtet Harald Groth.

Pfiffe und Zwischenrufe kamen aus der kommunistischen Ecke, wie dem Bericht des dk über den Wahlkampfauftritt Schmidts zu entnehmen ist. Der glänzende Rhetoriker kanzelte die Störer auf seine ganz eigene Art ab: „Verehrte kommunistische trojanische Esel ... nein, keine Esel, erst Ponys.“

1969 als Fraktionsvorsitzender zu Gast

Helmut Schmidt war noch nicht Bundeskanzler, sondern SPD-Fraktionsvorsitzender zu Zeiten der Großen Koalition, als er im Mai 1969 schon einmal in Delmenhorst zu Gast war. Er sprach während einer Tagung des SPD-Bezirks Weser-Ems in den DLW-Festsälen vor 600 Funktionären über notwendige soziale Verbesserungen und gesellschaftliche Reformen auf der Basis einer gesunden Wirtschaft.

Paul Wilhelm Glöckner, damals stellvertretender SPD-Unterbezirksvorsitzender, erinnert sich an die Ankunft Schmidts in Delmenhorst: „Er hatte seinen hellen Popeline-Mantel ganz lässig über die Schulter gelegt und sagte: ‚Hallo Genossen‘.“