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Zur Beisetzung des Ex-Kanzlers Helmut Kohl sprach als Wahlkämpfer in Delmenhorst vor Tausenden

Von Dirk Hamm | 01.07.2017, 12:28 Uhr

In den 70er und 80er Jahren war die große Politik deutlich polarisierter als heute. Einer der Protagonisten, Helmut Kohl, machte 1976 Walkampf in

Er war eine in jeder Hinsicht herausragende Erscheinung: Helmut Kohl überragte die meisten der Männer und Frauen, die 1976 auf dem Delmenhorster Rathausplatz die Hand des wahlkämpfenden CDU-Politikers schütteln wollten. Käthe Stüve, im selben Jahr wie der Ehrenbürger Europas geboren und damals seit einem Jahr in der CDU aktiv, erinnert sich noch genau an jenen 27. September, einen Montag: „Wie er vor der Menge redete, wie ein Fels in der Brandung wirkte er.“ Bis heute hat die Delmenhorster Ehrenratsfrau die dk-Seite mit der Berichterstattung über Kohls Visite an der Delme aufbewahrt.

1976 noch Herausforderer von Helmut Schmidt

Am heutigen Samstag wird der Altbundeskanzler nach einem europäischen Trauerakt in Speyer zu Grabe getragen. In die Kanzlerjahre des oft unterschätzten Pfälzers von 1982 bis 1998 fallen mit der deutschen Einheit, dem Vertrag von Maastricht und der Entscheidung für den Euro epochale Weichenstellungen. Eine solche Rolle auf der Weltbühne hätten Kohl im Jahr 1976 wohl die wenigsten zugetraut, als der Vollblutpolitiker zum ersten Mal antrat, Helmut Schmidt als Bundeskanzler abzulösen.

Wahlkampfrhetorik auf dem Rathausplatz

8000 Menschen, so berichtete das Kreisblatt, strömten am 27. September 1976 auf den Rathausplatz, um den CDU-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten zu hören. Der zeigte sich in Angriffslaune und sagte an die Adresse der regierenden SPD gerichtet: „Wahlkampf ist ein Ringen mit geistigen Mitteln und keine Olympiade in der Kunst der Beschimpfungen. Diese Kunst beherrschen Herbert Wehner und sein Schüler Helmut Schmidt.“ Kohl war selbst nicht gerade zimperlich, als er dann der SPD Verstaatlichungsabsichten und sozialistische Vormundschaft vorwarf. Die Bremer Universität brandmarkte er als „kommunistische Kaderschule“.

Kurze Zeit später auch Schmidt in Delmenhorst

Äußerungen, wie sie heutzutage, da sich die Parteien weit weniger ideologisch voneinander abgegrenzt positionieren, kaum noch vorstellbar sind. Kohl war damals der Jüngste in der Riege mobilisierender und oft polarisierender Politikerpersönlichkeiten von Strauß bis Schmidt, die die Bonner Bühne über Jahrzehnte beherrschten. Wie groß in damaliger Zeit das Interesse an der Politik war, belegen die Menschenmengen, die die beiden Spitzenkandidaten auf den Rathausplatz in Delmenhorst lockten: Nur wenige Tage nach Kohls Wahlkampfauftritt kam auch Kanzler Schmidt nach Delmenhorst – und sprach vor ebenfalls 8000 Zuhörern, wie das dk berichtete.

„Er ging auf die Leute zu“

Vor allem eines schätzt Käthe Stüve noch heute an Helmut Kohl: „Er ging auf die Leute zu.“ Und damit meint sie nicht nur das beherzte Händeschütteln mit vielen Besuchern der Kundgebung vor und nach seiner Rede: „Das galt auch für die große Politik, zum Beispiel gegenüber Gorbatschow.“