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Prozess gegen Dötlinger eröffnet Baby nach Schütteln schwer behindert

Von Thorsten Konkel | 24.01.2019, 20:05 Uhr

Vor Gericht hat ein Vater zugegeben seinen einen Monat alten Sohn heftig geschüttelt zu haben. Der Dötlinger steht dafür seit Donnerstag vor dem Landgericht Oldenburg.

Vor dem Landgericht Oldenburg hat der Prozess gegen einen 26-jährigen Dötlinger begonnen. Der von ihm eingeräumte Vorwurf: Anfang Mai 2017 habe er sein einen Monat altes Baby so stark geschüttelt, dass es wohl bis an sein Lebensende schwer behindert sein wird. Selbst ein leichtes Schütteln kann bei Kleinstkindern irreparable Folgen haben, sagen Experten. Das höchst verletzliche Hirngewebe kann geschädigt werden, es kann bis zum Tod führen.

Kind wird für immer ein Pflegefall sein

Im Fall des Dötlingers schilderte vor Gericht eine Ärztin der Oldenburger Kinderklinik die Folgen: Der bald zweijährige Junge ist halbseitig gelähmt, kann nicht laufen, nicht krabbeln, nicht mal sitzen. Er kann vermutlich nur schlecht hören und kaum sehen, zudem eines seiner Augen nicht steuern. Er wird mit einer Säuglingsflasche ernährt.

Nach der Tat musste er tagelang beatmet werden. In seinen Kopf wurde ein Schlauch operiert, aus dem Flüssigkeit des verletzten Hirngewebes in den Bauch abläuft, damit das irreparabel schwer geschädigte Hirn entlastet werden kann. Sie könne sich kaum vorstellen, dass sich ihr Patient mal ohne Hilfe fortbewegen kann. Das Kind lebt bei einer Pflegefamilie, vermutlich dauerhaft.

Der Kleine ist das erste Kind des Angeklagten, das zweite seiner Lebensgefährtin. Sie schilderten vor Gericht das fast normale Leben einer jungen Familie. Mit wenig Schlaf und viel Stress.

Vor der Tat hatten sie sich zum Verwandtenbesuch nach Berlin aufgemacht, stolz das Baby zeigen. Dort das Unglück: Sie war den Hund füttern, er mit den Kindern alleine.

Das Kleine hätte sich nicht beruhigen lassen

Das Kleine hätte sich dann nicht beruhigen lassen. Der Vater hätte sich überfordert gefühlt. Dann schüttelte er es, bis die Mutter zurückkam und ihn anschrie, das zu lassen. Nach der Heimfahrt am selben Tag begann das Baby so zu schreien, wie sie es noch nie erlebt hätten. Sie gingen ins Krankenhaus, tags darauf die erste von vielen Operationen. Lebensrettend.

Das Geständnis steht, die Intensität des Schüttelns und die Dauer sind aber ungeklärt. Vor Gericht sagte der Angeklagte, es könnten höchstens zehn Sekunden gewesen sein. Bei der Polizei hatte er noch von fünf Minuten gesprochen. Und die von ihm eingeschätzte Intensität machte selbst einen hartgesottenen und erfahrenen Ermittler sprachlos, wie ein vom Beamten in der Vernehmung aufgenommenes und im Gerichtssaal abgespieltes Video zeigt. Der Vater zeigte darin mittels einer zusammengerollten Jacke, wie fest er geschüttelt hatte. Die Frequenz erinnert an ein schnelles Zittern. „So schnell“, fragte der Polizist nach einer Pause. „Ja, so schnell.“

Ungeklärt auch, wie es zu einer Schädelfraktur beim Kleinen kam und zum Bruch eines Schienbeins kam. Und warum verschwiegen beide den Ärzten gegenüber eine ganze Woche lang den Vorfall? Weil sie es verdrängt hätten, sagte er. „Oder weil Sie sich schämten?“, fragte die Richterin.

Geklärt ist wohl, dass der Angeklagte keine Ahnung hatte, was für Folgen das Schütteln auslösen kann. Das Paar hatte keine Hebamme, nahm an keinem Geburtsvorbereitungskurs teil, hatte keine Einweisung im Krankenhaus. Er hätte den größten Fehler seines Lebens gemacht. Wenn er heute Kinder sehe, würde es ihn zerreißen. Der Prozess wird fortgesetzt.