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Behörde versagt Erdverkabelung Harpstedt prüft Klage gegen 380-kV-Trassenverlauf

Von Thorsten Konkel, Thorsten Konkel | 08.04.2016, 08:29 Uhr

Sorge und Enttäuschung herrschten am Donnerstag, einen Tag nach dem Planfeststellungsbeschluss zur 380-kV-Leitung von Ganderkesee nach St. Hülfe, bei den Bürgern und Verwaltungsspitzen der von der Höchstspannungsleitung betroffenen Gemeinden. Grund ist der geringe Anteil an Erdverkabelung, den die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr vorgeschrieben hat.

Ganderkesee/Harpstedt . Während die Ganderkeseer Verwaltung bereits am Mittwoch angekündigt hatte, den Klageweg nicht beschreiten zu wollen, gab sich der Bürgermeister der Samtgemeinde Harpstedt Herwig Wöbse gestern, einen Tag nach dem Planfeststellungsbeschluss zur 380-kV-Leitung von Ganderkesee nach St. Hülfe, kämpferisch.

„Den nun festgeschriebenen Trassenverlauf werden wir genau prüfen, auch eine Klage ist im Bereich des Möglichen“, beteuerte er. Die Samtgemeinde könnte dabei auch ihre Mitgliedsgemeinden sowie Anlieger, die Interessengemeinschaft „Vorsicht Hochspannung“ oder Grundstückseigentümer unterstützen. Entgegen der Gemeinde Ganderkesee, die auf ihrem Gebiet wenigsten zwei von drei Teilstücken in Erdverkabelung erhalten soll, wird die 380-kV-Leitung nach dem Willen der Genehmigungsbehörde durchgehend oberirdisch die Samtgemeinde queren. 13 Jahre lang hatten Verwaltung, Politik und Bürger gemeinsam genau dagegen gekämpft.

Zwei zusätzliche Erdkabelstrecken wird es dagegen auf dem Boden des Landkreises Diepholz geben. „Wir haben subjektiv den Eindruck, dass diejenigen, die sich am meisten engagiert haben, am Ende am wenigsten bekommen“, sagte Wöbse.

In Colnrade, an ihrer engsten Stelle zur Wohnbebauung, soll die Freileitung in einem Abstand von nur 140 Metern an Häusern vorbeiführen. „Die Motivation, uns entgegenzukommen, haben wir beim Vorhabenträger TenneT als recht gering erfahren“, bedauerte er.

Die Höchstspannungsleitung war am Mittwochabend auch das Topthema im Colnrader Rat. „Der Naturpark Wildeshauser Geest und naturnahe Huntelandschaften werden durch meterhohe neue Freileitungen zerstört. Das macht erst einmal sprachlos“, erklärte Colnrades Bürgermeisterin Anne Wilkens-Lindemann. Eine große Chance sei damit vertan worden, um den klimafreundlichen Windstrom durch bürger- , natur- und landschaftsfreundliche Erdkabeltrassen zu transportieren.

Auch die lokalen Landtagsabgeordneten von CDU, FDP und SPD hatten gehofft, durch ihr Intervenieren mehr als die lediglich vier Erdkabelabschnitte auf der insgesamt 60 Kilometer langen Trasse zu erreichen: Ansgar Focke (CDU) zeigte sich enttäuscht: „Ich hätte einfach mehr erwartet.“ Zwar freue ihn die Erdverkabelung auf dem Gebiet der Gemeinde Ganderkesee, jedoch seien die Belange der Menschen in der Samtgemeinde Harpstedt nicht genügend gewürdigt worden. Focke: „Umweltminister Wenzel (Grüne) spricht von einem Erfolg im Sinn der Menschen. Den kann ich aber nicht erkennen. Ich kann die Betroffenen nur ermutigen nicht aufzugeben.“

„Insbesondere die niedersächsischen Grünen hatten sich zu Oppositionszeiten ja vehement für Erdkabel ausgesprochen“, erinnerte der aus Ganderkesee stammende Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion Christian Dürr. Er kündigte an, den Umweltminister zur Rede zu stellen und dabei insbesondere über den Ganderkeseer Leitungsabschnitt zu sprechen. Dürr: „Es stellt sich nämlich die Frage, ob ein solch kurzer Freileitungsabschnitt, wie er derzeit zwischen Landwehr und Havekost geplant ist, wirklich sinnvoll ist.“ Auch bei TenneT wolle er vorstellig werden, versprach er.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Axel Brammer drückte ebenfalls sein Bedauern aus. „Ich bin völlig unzufrieden. Im Landkreis nur zwei Abschnitte in Erdverkabelung, das ist viel zu wenig, auch wenn das rechtlich richtig sein mag“, bezog er Stellung. Für Herwig Wöbse ist trotz der ungünstigen Vorzeichen klar: „Wir stecken den Kopf nicht in den Sand!“