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1957: Bahnunglück in Kirchseelte Bild der Zerstörung nach krachender Kollision

Von Dirk Hamm | 25.03.2017, 10:34 Uhr

Es war kurz nach ein Uhr, als ein gewaltiges Krachen die Bewohner des Orts Kirchseelte aus dem Schlaf riss. Kurz darauf heulte der Alarm der Sirene auf. Soeben hatte sich in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs ein schweres Unglück ereignet.

Ein aus Delmenhorst kommender Bauzug mit zehn Leerwagen war auf dem Hauptgleis mit voller Wucht gegen zehn mit Sand gefüllte Güterwagen geprallt. Die erschütternde Bilanz des schwersten Unglücks in der Geschichte der 1912 gegründeten Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahn: Vier Menschen kamen ums Leben.

Täglich rollten Sandzüge nach Delmenhorst

„Damals sind täglich Sandzüge von Kirchseelte nach Delmenhorst gefahren, wo die Umgehungsstraße B75, die heutige A28, gebaut wurde“, erzählt der Harpstedter Hermann Bokelmann. Der heute 87-Jährige hatte erst mit Verzögerung aus der Zeitung von der Katastrophe erfahren, er befand sich damals auf einem Lehrgang in Oldenburg. Doch das Geschehen ging auch dem jungen Mann, der später von 1964 bis 1996 als Bürgermeister im Flecken Harpstedt amtierte, nahe: „Im gesamten Ort herrschte Trauer. Das war ein zu hohes Opfer für den Sandabbau.“

Lokomotive wurde völlig zerstört

Am 27. März berichtete das dk über das schwere Unglück vom Vortag. Ein nahe an der Bahnlinie wohnender Kirchseelter wird zitiert: Dieser habe zunächst einen Dampfstoß der Lokomotive und sodann ein „mächtiges Krachen“ gehört. „Die Unglücksstätte bot ein Bild der Verwüstung. Durch den Anprall entstand an der Lok Totalschaden. Der erste Leerwagen hatte sich in sie hineingeschoben und ihre rechte Flanke völlig aufgerissen“, wurde die gespenstische Szenerie beschrieben. Der Unfall sei durch das Überfahren einer Handweiche ausgelöst worden.

33-jähriger Lokführer war sofort tot

Von den vier Eisenbahnern auf der Lok war der 33-jährige Lokführer Helmut Sandstedt aus Harpstedt sofort tot. So heftig war der Aufprall, dass der Führerstand mit Schneidbrennern geöffnet werden musste. Nach Angaben von Chronist Andreas Wagner von den Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahnfreunden wurden dazu Feuerwehrkräfte aus Bremen gerufen, die mit Spezialgerät anrückten.

Sandtransporte zum Bau der B75 in Delmenhorst

Der 64-jährige Zugführer Johann Hasselbusch, ebenfalls aus Harpstedt, verstarb laut dem dk-Bericht noch während der Bergungsarbeiten – er stand kurz vor seiner Pensionierung. Der als Zugleiter eingesetzte 44-jährige Bahnhofsvorsteher Ernst Lange (Harpstedt) sowie der 31-jährige Heizer Günter Weihe (Beckeln) konnten zwar lebend geborgen werden. Doch verstarb einer noch während des Transports ins Krankenhaus, der andere verschied in der Klinik.

Weil die zerstörte Lokomotive das Hauptgleis blockierte, kam der Sandtransport nach Delmenhorst kurzzeitig zum Erliegen. Das Schüttgut wurde zum Bau des Dammes der Umgehungsstraße in Düsternort benötigt, der „Europastraße“ B75 (heute A28).