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Auch Wildeshauser unter den 50 Opfern Verurteilter Serieneinbrecher kündigt Revision an

Von Ole Rosenbohm | 16.11.2018, 08:35 Uhr

Sechseinhalb Jahre Haft für den Haupttäter einer Einbruchsserie in Norddeutschland, drei Jahre für seinen 49-Jährigen Komplizen, der zuletzt 2016 wegen Einbrüchen verurteilt worden war.

Doch ein Ende der juristischen Aufarbeitung ist mit dem am Mittwoch im Oldenburger Landgericht gesprochenen Urteils keineswegs in Sicht. Denn nach dem Urteil gegen den letztlich wegen 45 Einbrüchen – auch in Wildeshausen und Harpstedt – verurteilten 47-Jährigen wird sich der Haupttäter bald noch mal vor dem Landgericht verantworten müssen. Diesmal geht es um 17 Einbrüche, die in die Anklageschrift des jetzt zu Ende gegangenen Prozesses noch keinen Einlass fanden. Zudem hat der Angeklagte über seine beiden Anwälte bereits Revision eingelegt. Und dann warten noch Verfahren gegen zwei weitere Bandenmitglieder: Einer soll demnächst nach Deutschland ausgeliefert werden, ein anderer ist noch flüchtig, wird in Serbien, der Heimat der gesamten Gruppe, vermutet.

50 Opfer sagten aus

Das jetzt abgeschlossene Verfahren hatte – inklusive Neuansetzung im September wegen eines kranken Schöffen – seit Juli angedauert. Allein 50 Opfer sagten aus – oft verzweifelt, manchmal aufgelöst in Tränen, psychisch mindestens angeknackst allein durch die Tatsache, dass ein Fremder in ihren Sachen gewühlt hatte. Ein bestohlenes Ehepaar will wegziehen, andere Einbruchsopfer trauen sich nicht mehr alleine im Haus zu bleiben. Die letzten Fragen des Vorsitzenden Richters Horst Kießler an die auch aus Hessen oder Schleswig-Holstein angereisten Einbruchsopfer lautete sinngemäß stets: „Wie geht es Ihnen heute? Wie haben Sie den Einbruch verarbeitet?“ Die Aussagen der Opfer beeindruckten Beobachter und Prozessbeteiligte auf allen Seiten.

Dass sie alle aussagen mussten, war auch dem Haupttäter geschuldet, der trotz einer dichten Beweiskette jede Form eines Geständnisses ablehnte. Fall für Fall musste so auseinandergenommen werden. Die Opfer täten ihm leid, sagte der Angeklagte in seinem letzten Wort, er habe aber niemandem etwas weggenommen.

Die Beweislast ist erdrückend

Dabei sieht selbst seine Verteidigung die Beweislast als erdrückend an. „Wir haben ihm früh im Prozess einen Weg aufgezeichnet, mit dem er mit fünf Jahren und etwas mehr rausgekommen wäre“, sagte Matthias Waldraff aus Hannover, einer seiner beiden Anwälte. Doch auf das Geständnis zu Prozessbeginn verzichtete ihr Mandant zur Überraschung aller nach ausgehandelten Rechtsgesprächen zwischen den im Prozess beteiligten Berufs-Juristen. Er sei ja nicht schuldig. Den Weg in die Revision wolle er wie sein Kollege nicht mitgehen, sagte Waldraff.

Die Staatsanwaltschaft hatte acht Jahre und zehn Monate Haft für den 47-Jährigen gefordert. Ein deutlicher Unterschied zum Urteil, das sich auch so interpretieren lässt: Im nächsten Prozess könnte sich die Strafe durchaus in Richtung der staatsanwaltschaftlichen Forderung erhöhen, sollte sich der Angeklagte nicht zu einem Geständnis durchringen.

Denn Zweifel, dass im Saal Berufsverbrecher saßen, hatte niemand: Die Bande war sogar für weit mehr Einbrüche als die abgeurteilten 45 verantwortlich, sagen die Ermittler. 62 waren angeklagt, 17 Taten – oft Versuche oder weniger klar beweisbar – stellte das Gericht ein. Noch während des Prozesses setzten die Ermittler die neue Liste für den neuen Prozess auf. Und selbst die ließe sich wohl um viele, viele Taten erweitern. Der Hauptermittler etwa könnte nachweisen, sagte er aus, dass die beiden jetzigen Angeklagten schon vor Jahren nach ähnlichem Muster zusammenarbeiteten.