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Ausbildung im Maurerhandwerk Präzisionsarbeit mit Wasserwaage und Kelle

Von Reiner Haase, Reiner Haase | 01.07.2018, 16:06 Uhr

Auf einer Baustelle in Neddenhüsen leistet Fabian Priesmeyer Präzisionsarbeit mit Wasserwaage, Schaufel und Kelle. Sein Ziel ist der Gesellenbrief im Maurerhandwerk.

„Man sieht jeden Abend, was man tagsüber geschafft hat“, sagt Fabian Priesmeyer. Das sei einer der großen Vorzüge des Maurerhandwerks, ergänzt er. Der 19-Jährige hat das zweite Jahr der Ausbildung zum Maurer in vier Wochen hinter sich. In einem Jahr, hofft er, bekommt er nach den Prüfungen bei der Handwerkskammer den Gesellenbrief ausgehändigt. „Und dann arbeite ich als Maurer weiter“, kündigt er an.

Priesmeyer weiß, dass ihm mit dem Gesellenbrief in der Tasche auch andere Wege offen stünden. Er könnte sich zum Polier qualifizieren, nach drei Gesellen-Jahren Meister werden oder ein Studium in Fachrichtungen wie Architektur oder Statik anhängen. Auch eine zweijährige Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter wäre möglich gewesen, kam für ihn aber nicht in Frage. Oder noch mal in ein ganz anderes Berufsfeld wechseln, „das geht heute ja schneller als der Wechsel einer E-Mail-Adresse.“ Zurzeit zerbricht er sich darüber nicht den Kopf. Er fuchst sich lieber in sein Handwerk hinein.

Mutter stellt Weiche

Der 19-Jährige aus Lemwerder ist auf einem Ohr taub und hat am Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte in Oldenburg den Realschulabschluss erworben. „Bis ins letzte Schuljahr hinein hatte ich keine Ahnung, wo’s langgehen soll“, erinnert er sich, „Koch vielleicht, Erzieher oder Maler?“ Ihm fiel eine Handwerksbroschüre in die Hand. „Was kann ich tun, was Papa nicht kann?“, fragte der damals 15-Jährige seine Mutter, und die gab mit der Antwort „Mauern oder Fliesen“ die grobe Richtung vor.

Praktika als Einstieg

„Für meine Eltern war ich nach dem Schulabschluss zu jung für den direkten Einstieg ins Berufsleben“, berichtet Priesmeyer. Er hat deshalb am Landesbildungszentrum ein Vorbereitungsjahr Bautechnik absolviert und praktische Erfahrungen in einem Betrieb in Oldenburg gesammelt, „einem reinen Flickmaurer.“ Mit dem nächsten Praktikum hat er das Ticket für die Ausbildung gelöst. Beim in Schlutter ansässigen Bauunternehmen Mahlstedt hat alles so gut zusammengepasst, dass das Unterzeichnen des Ausbildungsvertrags fast nur noch eine Formsache war.

Präzision ist gefordert

„Hier macht jeder wirklich alles“, berichtet Priesmeyer. Und das im Wortsinn von Grund auf. Der Chef hat ihn heute mit Kollegen nach Neddenhüsen geschickt. Kaum vorstellbar, dass hier in wenigen Monaten ein komplettes Haus mit Blick auf das Neubaugebiet gegenüber und die Silhouette der Ganderkeseer Ortsmitte mit dem Kirchturm stehen soll. „Bisher ist wirklich wenig passiert“, kommentiert er den Anblick von Sandhaufen, Steinstapeln und ein paar schmalen Gräben im Bausand. „Die Kanäle sind verlegt“, berichtet er. In einer Ecke ragen gebündelte Rohre aus einem Loch, das ist jetzt seine Arbeitsstätte. Priesmeyer rüttelt und klopft, wirft eine Schippe Sand nach und noch eine, rüttelt und klopft wieder, den Blick stets auf das Bläschen im Auge der Wasserwaage gerichtet. „Der Energieversorger verlangt Präzision“, erklärt er, „und der Bauherr freut sich, wenn die Abdeckplatte richtig passt und alles gut aussieht.“

Mit „Erasmus“ nach Finnland

Immer wieder neue Baustellen, ständig neue Herausforderungen – das hält dem Auszubildenden die Spannung hoch. Auch die Vergütung, laut Tarifvertrag 1200 Euro im zweiten Lehrjahr, motiviert. Zusätzlich freut sich Priesmeyer, dass sein Chef ihn für die Teilnahme am Erasmus-plus-Austauschprogramm der Europäischen Union teilnehmen lässt. Sein Ziel ist eine kleinere Stadt in Finnland, zwei Stunden von Helsinki entfernt. Er freut sich aufs Kennenlernen finnischer Bautechnik, einer fremden Sprache und netter Leute. Das Rheinisch-Westfälische Berufskolleg in Essen hat den Austausch angebahnt, wo Priesmeyer regelmäßig mit anderen Gehörgeschädigten im Blockunterricht Theorie büffelt. Andere angehende Maurergesellen besuchen tageweise die Berufsschule.