Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Ausbildung in Ganderkesee Erst Flüchtling, dann Lehrling

Von Marie Busse | 16.11.2018, 18:19 Uhr

Ange-Fabrice Koulaeoulou hat sein Ziel erreicht. Er macht in Ganderkesee eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner. Wie lang der Weg zum Traumberuf war, hat er dem dk verraten.

Dass er in der Natur arbeiten will, das war Ange-Fabrice Koulaeoulou schon früh klar. In seiner Heimat der Elfenbeinküste hilft er seiner Familie beim Kakaoanbau, geht zur Schule führt und ein ruhiges, ein freies Leben. Erst nach vier Jahren, als Gärtner-Azubi in Ganderkesee, wird er diese Ruhe wiederfinden.

Flucht durch West-und Nordafrika

Koulaeoulou ist 19 Jahre alt, als in der Elfenbeinküste gewaltsame Unruhen ausbrechen. Seine Familie muss fliehen. Seine Mutter, der kleine Bruder und die kleine Schwester flüchten in Richtung Osten –nach Ghana. Der Vater ist im Bürgerkrieg gestorben. Koulaeoulou macht sich nur mit Hose und T-Shirt bekleidet gen Norden auf – nach Mali. Erst Monate später wird er erfahren, dass es seiner Familie gut geht, sie wieder in der Elfenbeinküste ist.

Für Koulaeoulou allerdings ist die Flucht erst der Beginn einer eineinhalbjährigen Odyssee quer durch West- und Nordafrika. In Mali hält er sich mit Bauarbeiten bei senkender Hitze über Wasser, er ist in Algerien und in Niger. Seine Papiere verliert er auf der Flucht. Endstation auf dem afrikanischen Kontinent ist ein Gefängnis in Libyen. Mit einer Machete schlagen er und andere Internierte ein Loch in die Wand und fliehen. Ihr Ziel ist die Küste. Koulaeoulou ergattert einen Platz auf einem Schlauchboot und überquert das Mittelmeer. „Da waren auch Schwangere, Frauen und Kinder dabei“, erinnert er sich. Nach zwei Tagen erreicht das Schiff Italien.

15 Monate Kirchenasyl

Doch auch in Italien findet er keine Ruhe: „Die Menschen haben die Straßenseite gewechselt, wenn sie einen Afrikaner gesehen haben“, sagt der angehende Gärtner. Er will weiter nach Norden, nach Deutschland. Doch auch in Deutschland ist es schwierig: Er beantragt Asyl, aber muss nach EU-Gesetzgebung eigentlich zurück nach Italien. Seine einzige Chance ist das Kirchenasyl. Dort bleibt er 15 Monate, bis er die Gewissheit hat: Er kann bleiben. Koulaeoulou lässt sich in Bremen nieder.

Zum Bewerbungsgespräch mit der Freundin

„Ich wollte sofort anfangen zu arbeiten“, beschreibt er seine Situation Anfang des Jahres. Im Februar hat er ein Bewerbungsgespräch bei der Firma Kreye in Ganderkesee. „Fabrice kam mit seiner Freundin, ich hatte sofort ein gutes Gefühl“ erinnert sich Thorsten Riedebusch, Ausbildungsleiter bei Kreye. „Ich habe da die Freiheit zurückgewonnen“, sagt Koulaeoulou. Außerdem kann er wieder in der Natur arbeiten. „Das hat mir schon in meiner Heimat Spaß gemacht.“ Nach einem zweiwöchigen Praktikum übernimmt ihn die Firma für ein halbes Jahr. „Er war einfach total motiviert, nie krank und sehr zuverlässig“, sagt Riedebusch. Im Frühjahr denkt der Gartenbaubetrieb darüber nach,Koulaeoulou als Lehrling einzustellen: „Eigentlich hatten wir schon genug Azubis, aber es hat einfach gut gepasst.“

Die Firma entscheidet sich für den Geflüchteten. „Für uns war das anfangs viel Papierkram“, sagt Riedebusch. Hilfe erhielt der Betrieb nicht. Riedebusch kann verstehen, dass der Papierkram Betriebe abschreckt. Aber er hat sich gelohnt: „Wir haben mit Fabrice nicht mehr Arbeit, da bereiten mir andere Azubis mehr Kopfzerbrechen“, sagt der Ausbildungsleiter schmunzelnd.

Azubis halten zusammen

Und gepasst hat es auch mit den anderen Azubis. Sie unterstützen Fabrice in der Schule. „Bei den bisherigen Klassenarbeiten haben wir zusammengelernt“, sagt Koulaeoulous Kollege Jannik Hölting. Fabrice ist indes fest entschlossen sein Deutsch weiter zu verbessern. Er will keine Sonderbehandlung. Mit einem Bilderbuch bringt er sich Wörter wie Setzhammer oder Rüttler bei. Vor Kurzem hat er in seinem Lieblingsfach, Bodenkunde, eine eins geschrieben.

Schon bald steht für Koulaeoulou eine weitere große Veränderung an. Er zieht von Bremen nach Ganderkesee. Jannik und die anderen Azubis haben Möbel mit ihm besorgt und die Wohnung eingerichtet. Noch drei Jahre dauert seine Ausbildung. Für Koulaeoulou ist klar: „Dann will ich Vorarbeiter werden.“