Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Besuch bei alten Bekannten Schwerkranker Mann mit ALS auf Abschiedstour

Von Kristina Müller | 26.09.2017, 08:25 Uhr

Vor zwei Jahren bekam Uwe Mahlstedt aus Kirchhatten die Diagnose ALS. Doch, statt Trübsal zu blasen, möchte er seine verbleibende Zeit noch nutzen, um noch etwas von der Welt zu sehen.

Uwe Mahlstedt leidet an ALS. Bei der Amyotrophen Lateralsklerose (kurz ALS) handelt es sich um eine Erkrankung des Nervensystems, einhergehend mit starkem Muskelschwund. Die Diagnose erhielt der Kirchhatter vor zwei Jahren. Dass etwas nicht stimmt, ist ihm und seiner Frau Kerstin aber schon vor etwa fünf Jahren aufgefallen: „Damals hatte er starken Gewichtsverlust, das waren über 20 Kilo“, erinnert sich Kerstin. „Ich habe dann auch beim Arbeiten gemerkt, dass ich mit den Armen nicht mehr hochkam“, ergänzt Uwe.

Soweit es ging, arbeitete der 51-Jährige aber auch nach seiner Diagnose noch weiter. „Ich habe seit meiner Bundeswehrzeit alles bewegt, was Räder hatte – Bus, Lkw, Radlader, Gabelstapler, zeitweise auch Abschleppwagen“, sagt Uwe. Zuletzt war er bei einem landwirtschaftlichen Lohnbetrieb tätig und musste dort dann aber nach und nach seine Tätigkeiten einschränken. „Ich wollte so lange arbeiten, wie es geht, bis ein Schlaganfall dazwischen kam.“

(Weiterlesen: „Ice Bucket Challenge“ für ALS-Forschung: Was bleibt von der Idee?)

Abschiedstour mit Gator

Im Krankenhaus kam ihm dann aber die Idee, noch einmal Leute zu besuchen, die er lange nicht gesehen hatte. Zunächst startete er mit einem Gator, einem kleinen Elektro-Fahrzeug: „Das war das einzige Gefährt, was ich noch fahren durfte“, sagt er. Nachdem er es der Sicherheit im Verkehr wegen aber an seinen Sponsor zurückgab, ist er nun mit einem E-Rollstuhl unterwegs, auch wenn sein Aktionsradius dadurch nun deutlich kleiner geworden ist. Dennoch konnte er schon viele alte Bekannte besuchen: Ehemalige Arbeitskollegen, Klassenkameraden, die er seit fast 40 Jahren nicht mehr gesehen hat, alte Jugendfreunde.

Seine große Leidenschaft war der Schützenverein. Wenn er davon spricht, kommen dem sonst so lebenfrohen Mann die Tränen. „Der Schützenverein ist immer sein Ein und Alles gewesen“, erklärt Kerstin. „Damals hat er mich sogar rein gekriegt.“ 42 Jahre lang war Uwe im Schützenverein, wurde Gemeindekönig und leistete mehr als 20 Jahre Vorstandsarbeit. „Nach der Diagnose habe ich alle Ämter niedergelegt, weil Schießen auch nicht mehr so klappte“, erinnert er sich. Man merkt, dass ihn das sehr trifft.

Größter Wunsch: Ein Trip nach Berlin

„Die Arme sind das Hauptproblem, die Beine im Moment weniger“, sagt er und demonstriert, dass er seine Arme bis zu einem gewissen Grad nicht weiter anheben kann. Auch wenn er nach der Teetasse greift, unterstützt er seine linke mit der rechten Hand. Auch Schlucken und Sprechen seien inzwischen schwieriger geworden. „Für mich ist das aber einfacher als für den Rest“, sagt er über seine Diagnose, schaut seine Frau Kerstin an und nimmt ihre Hand.

Ihr stehen die Tränen in den Augen: „Es ist beschissen. Man hat keine Kraft mehr und weiß auch nicht, woher man sie noch nehmen soll.“ Seit 30 Jahren sind die beiden inzwischen verheiratet und Eltern zweier Söhne. Kennengelernt haben sie sich während seiner Bundeswehrzeit „in der guten alten Dorfdisco“, erinnert sich Kerstin.

Seine restliche Lebenszeit möchte er gemeinsam mit seiner Frau noch nutzen. „Man ist eigentlich nur am Arbeiten, bis man in Rente ist. Wir haben uns jetzt Sachen vorgenommen, bei denen man immer sagt: ‚Das machen wir später noch.‘“, erklärt Uwe. Auf seiner Wunschliste stehen besonders Berlin und Süddeutschlands Berge. Dafür hat er auf seiner Facebook-Seite offen um Hilfe und Unterstützung gebeten. Und die hat er dann auch in vielfältiger Form bekommen – meist sogar von Leuten, die er nicht einmal kannte oder über 40 Jahre nicht gesehen hat, wie er erzählt.

Die Zeit läuft ihm weg

Für den lang ersehnten Trip nach Berlin brauche er aber finanzielle Unterstützung. Deshalb hat er auf einem Portal eine Spendensammelaktion für sich ins Leben gerufen. „Betteln ist auch nicht unsere Art und Weise“, betont Ehefrau Kerstin.

„Wenn was kommt, ist das gut. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung.“ Bis jetzt sei der Aufruf allerdings eher bescheiden gelaufen. Viel Zeit bleibt Uwe aber nicht mehr: „Hart gesagt: Die Uhr tickt gegen einen.“