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Buch zur Heimatgeschichte Facetten des Alltags in Ganderkesee unterm Hakenkreuz

Von Dirk Hamm | 20.01.2018, 12:01 Uhr

Werner Lüdeke und Hermann Speckmann sind tief in die jüngere Geschichte ihres Heimatorts eingetaucht. Fotos, Dokumente und Zeitzeugenberichte spiegeln das Leben in den Kriegsjahren wider.

Mehr als 70 Jahre sind vergangen, seit im April 1945 in Ganderkesee die Jahre des Krieges und der NS-Herrschaft endeten. Eine Zeit, in der „Verletzungen“ unter den Bürgern zurückgeblieben sind in der kleinen Ortschaft, „in der sich alle kannten und alle plattdeutsch sprachen und in der fast alle untereinander heirateten“, wie Werner Lüdeke und Hermann Speckmann im Vorwort zu ihrem neuen Buch „Ganderkesee in der Kriegszeit“ anmerken.

Vierte Zusammenarbeit der Heimatforscher

Zum vierten Mal widmet sich das eingespielte Autoren-Duo der Geschichte seiner Heimatgemeinde. Der Erfolg des Heftes „De slechte Tied“ über die Jahre des Wiederaufbaus nach 1945 hat die beiden Heimatforscher ermutigt, das Alltagsleben der Ganderkeseer in den Kriegsjahren zu dokumentieren. „Ganderkesee in der Kriegszeit“, im Eigenverlag herausgegeben, ist zum Preis von 19,95 Euro im örtlichen Buchhandel erhältlich.

Fotos und Dokumente im Vordergrund

Lüdeke und Speckmann, beide Jahrgang 1937, nehmen sich als Autoren weitgehend zurück und rücken beinahe collageartig die beeindruckende Fülle an Dokumenten, Fotografien, Zeitungsausschnitten und Zeitzeugenberichten in den Vordergrund, die aus verschiedenen Quellen zusammengetragen wurden. Sie selbst haben die Kriegsjahre im Dorf teils noch im Kindergartenalter erlebt.

Erinnerungen an im Krieg vermissten Vater

Doch manches hat sich auch bei ihnen tief ins Gedächtnis eingebrannt. So hat Werner Lüdeke noch vor Augen, dass der Vater zu Weihnachten nicht zu Hause war, dafür aber zwischendurch auf Fronturlaub in der Heimat weilte: „Ich sehe noch wie heute, wie er im Bus Platz nahm beim Abschied und winkte.“ Das war 1944, in jenem Jahr wurde sein Vater in Weißrussland als vermisst gemeldet.

Dokumente einer allgegenwärtigen Popaganda

Wie viel fröhlicher und optimistischer wirkt doch der Alltag in den Vorkriegsjahren, wie er sich ebenfalls in zahlreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen in dem Buch wiederfindet. Nach den Jahren der Wirtschaftskrise schien die Nation einer glorreichen Zukunft entgegenzustreben, so machte es jedenfalls die NS-Propaganda glauben. „Hitler baut auf, helft alle mit!“, diese Parole ist auf einem Foto der Gewerbeausstellung 1933 in Ganderkesee zu entdecken.

Ganderkesee wurde zum „Marschierdorf“

Ein wenig schüchtern dreinschauende BDM-Mädchen etwa erblickt der Leser, Kapellen begleiten die Sammlung für das Winterhilfswerk und der HJ-Spielmannszug schreitet voran, als es zum Geländespiel in den Bürsteler Fuhrenkamp geht. Immer wieder sind Menschen zu sehen, die im Gleichschritt durch das Dorf marschieren, von der HJ bis zu den verschiedenen Berufsgruppen am 1. Mai. „Ganderkesee war zum Marschierdorf geworden“, weiß Hermann Speckmann aus eigener Erinnerung zu berichten.

Einen faszinierenden Kontrast dazu bieten Dokumente, die die Sichtweise des Kriegsgegners transportierten: Über viele Seiten hinweg sind Flugblätter abgedruckt, die von alliierten Flugzeugen abgeworfen wurden.