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Bürgermeisterin im Interview Ganderkesee: „Flüchtlinge bleiben großes Thema“

Von Katja Butschbach | 28.12.2015, 19:18 Uhr

Über Pläne für die Gemeinde für 2016, über eigene Wünsche und über Herausforderungen in 2015 spricht Bürgermeisterin Alice Gerken-Klaas im dk-Interview.

Frau Gerken-Klaas, was hat Ihnen in diesem Jahr schlaflose Nächte bereitet – und was hat Sie besonders gefreut?

Es liegt auf der Hand, dass das Flüchtlingsthema zumindest im zweiten Halbjahr alles dominiert hat. Doch wir haben im Rathaus zielgerichtet gearbeitet und sind inzwischen deutlich besser aufgestellt als am Anfang. Mit dem Thema Flüchtlinge sind aber nicht nur Sorgen verbunden. Wir erleben auch eine Welle der Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung. Das sind auch gute Erinnerungen, die bleiben werden von diesem ereignisreichen Jahr 2015.

Wie schafft Ihr Team im Rathaus die Bewältigung der Flüchtlingssituation?

Wir haben frühzeitig einen Stab Flüchtlinge gebildet, der jetzt schon seit Ende Juli täglich zusammenkommt, um die Herausforderungen zu besprechen und Lösungen zu finden. Im Stab sind Kolleginnen und Kollegen aus ganz unterschiedlichen Bereichen im Rathaus aktiv. Das ist sinnvoll, weil das Flüchtlingsthema unterschiedliche Lebensbereiche betrifft. Das reicht von der Bereitstellung von Wohnraum über die Verpflegung und Verwaltung von Kleiderspenden bis hin zur Beschulung von Flüchtlingskindern. Es sind inzwischen viele Kollegen im Rathaus mit Flüchtlingsangelegenheiten befasst. Dennoch müssen wir die originären Aufgaben der Verwaltung weiterhin erfüllen. Das klappt in den meisten Bereichen sehr gut. Einige Vorhaben mussten wir erst einmal zurückstellen oder sie brauchen aufgrund des regen Betriebs zurzeit etwas länger. Aber es bleiben keine wesentlichen Aufgaben auf der Strecke.

Wann könnte sich das Gewerbegebiet Ganderkesee-West füllen? Kann man es sich leisten, einen großen Investor wie den Fitness Park abzulehnen?

Es war schon eine große Verlockung. Aber es geht aus meiner Sicht nicht darum, ob die Grundstücke in dieser hervorragenden Lage möglichst schnell verkauft werden können – sondern um die Frage, welche Betriebe zum Zuge kommen sollen. Dafür hat der Rat Kriterien festgelegt. Sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, die Familien auch ihre Existenzen sichern können, sind da ein wichtiges Argument. Es sollen zudem nach Möglichkeit förderwürdige Unternehmen angesiedelt werden, die auf eine überregionale Verkehrsanbindung angewiesen sind.

Für die Ortskernbelebung gilt der neue Marktplatz als wichtig: Wann könnte die Umgestaltung losgehen?

Für die Umgestaltung des Marktplatzes sind sowohl für 2016 als auch für 2017 Mittel im Haushalt eingestellt. Ein Startdatum für den Umbau kann ich noch nicht nennen. Es wird viel darüber diskutiert, wie genau der künftige Marktplatz aussehen sollte. Meine Meinung: Der kleinste gemeinsame Nenner ist nicht immer die beste Lösung. Bei der Ortskernbelebung geht es aber sicher nicht nur um den Marktplatz. Der Rat hat ja auch Mittel für ein Einzelhandelskonzept bereitgestellt, das 2016 erarbeitet werden soll. Dabei sollen die Stärken und Schwächen der unterschiedlichen Ortskerne ermittelt werden. Erst danach können wir zielgerichtet über weitere Schritte beraten. Bei der Belebung der Zentren sind aber alle gefragt: die Verwaltung, die Kaufmannschaft und natürlich die Kundinnen und Kunden. Wer sich zum Beispiel im Geschäft beraten lässt und dann doch lieber im Internet bestellt, sollte auch über die Konsequenzen für den Handel vor Ort nachdenken.

Wie würden Sie den Marktplatz gestalten?

Es ist wichtig, dass der Wochenmarkt nicht beeinträchtigt wird – und ich wünsche mir dort Grün sowie einige wenige Parkplätze. Die Aufenthaltsqualität ist wichtig; es sollte kein zweiter Arp-Schnitger-Platz werden.

Reicht es aus, auf dem Festplatz zu Fasching und Staudenflohmarkt Veranstaltungen zu haben, oder wünschen Sie sich eine Rückkehr des Herbstmarktes?

Ich mag den Festplatz. Bevor der Platz angelegt wurde, war das kein attraktiver Bereich. Jetzt wird dort viel geparkt, auch von Berufstätigen im Ortskern. Man muss den Platz nicht an seinem Namen festmachen. In diesem Jahr konnte der Herbstmarkt schon aufgrund der Bauarbeiten an der Raiffeisenstraße nicht auf dem Festplatz stattfinden. Wie es künftig weitergeht, sollten die Veranstalter entscheiden, sie tragen schließlich das finanzielle Risiko. Für mich haben beide Standorte ihren Reiz.

Wie kann in der Gemeinde günstiger Wohnraum geschaffen werden – und wann?

Die Gemeinde ist in Gesprächen mit dem Landkreis über den Bau von Fertighäusern für die Flüchtlingsunterbringung. Das soll möglichst kurzfristig geschehen. Sozialer Wohnungsbau wird auf Sicht aber auch für Einheimische notwendig sein. Damit werden sich die politischen Gremien und die Verwaltung 2016 sicher weiter beschäftigen.

Ist das nicht zu spät?

Die Flüchtlingssituation hat uns erst im Sommer mit voller Wucht getroffen. Ich habe bereits 2014 gesagt, dass wir nicht nur Einfamilienhäuser, sondern auch Wohnungen für Singles und Senioren brauchen. Viele Jüngere sind nach Delmenhorst abgewandert.

Wie sieht es aktuell mit der Krippen- und Kitaplatz-Versorgung aus?

Schon im Januar werden bis zu 15 neue Krippenplätze am Marderweg zur Verfügung stehen. Bis zu 15 weitere gibt es voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2016 beim Montessori-Kinderhaus an der Adelheider Straße. In den kommenden Jahren werden vor allem im Zusammenhang mit Neubaugebieten weitere Betreuungsplätze benötigt. Ob und wo genau neue Einrichtungen entstehen werden, ist noch offen. Alle Planungen stehen inzwischen unter dem Vorzeichen der Flüchtlingssituation. Grundsätzlich halten wir aber an unseren Kriterien zur Vergabe von Kitaplätzen fest. Eine Situation, in der Ganderkeseer Berufstätige ihre Kinder aufgrund der Flüchtlingskrise nicht betreut bekommen, darf gar nicht erst entstehen.

Zu Bookholzberg: Wie soll der Ortsteil weiterentwickelt werden – und wie ist der Stand beim Baugebiet Bargup? Wann kann das Feuerwehrhaus gebaut werden?

Die beiden Geschäftsstraßen wurden in den vergangenen Jahren bereits aufwendig erneuert. Im Januar geht es mit der Sanierung der Ortsdurchfahrt richtig los. Das wird während der Bauarbeiten zunächst mit einigen verkehrlichen Einschränkungen verbunden sein. Aber ich bin sicher, dass sich das Ergebnis am Ende wird sehen lassen können. Das zu erarbeitende Einzelhandelskonzept wird wohl auch für Bookholzberg wichtige Hinweise liefern können, in welche Richtung der Ort entwickelt werden muss. Den Bau des Feuerwehrhauses haben wir für 2017 geplant. Im Zuge der Flüchtlingsunterbringung wurden bereits wichtige Vorarbeiten geleistet. Beim Baugebiet Bargup wird in Kürze der Bebauungsplanentwurf öffentlich ausgelegt, dann können Stellungnahmen abgegeben werden, danach wird geprüft und bewertet. Daraus wird ein Beschlussvorschlag für den Rat erarbeitet. Baubeginn könnte noch 2016 sein, aber das ist noch mit einigen Unsicherheiten verbunden. Das Baugebiet soll etwa 80 bis 90 Einheiten umfassen, einschließlich eines Nahversorgers.

Müssen 2016 noch mehr Hallen für Flüchtlinge errichtet und Turnhallen für die Flüchtlingsunterbringung genutzt werden?

Wir werden die Mobilhallen in den kommenden Monaten sicher brauchen, um allen Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Es hängt von der bundesweiten Situation ab, wie es hier in der Gemeinde weitergehen wird. Wir wollen die Nutzung von weiteren Turnhallen möglichst verhindern, da hiermit erhebliche Einschränkungen für den Schul- und Vereinssport verbunden wären. Was die Zukunft bringt, müssen wir abwarten. Die Unterbringung in Mobilhallen ist auf Dauer nicht das, was wir uns wünschen. Fertighäuser, wie sie jetzt im Gewerbegebiet Westtangente angedacht sind, sind besser. Weitere Standorte dafür sind in Prüfung.

Was wird in Ganderkesee im kommenden Jahr das dominierende Thema sein?

Da muss man keine wahrsagerischen Fähigkeiten besitzen: Die Flüchtlingsunterbringung wird das große Thema bleiben, aber auch die Einbindung der vielen neuen Bürgerinnen und Bürger muss gelingen. Es reicht nicht, Bett und Brot zur Verfügung zu stellen. Eine erfolgreiche Integration ist entscheidend. Dazu gehört besonders auch der Wille unserer neuen Mitbürger zur Integration und die Bereitschaft unsere Regeln und Werte zu beachten.

Was sind Ihre Vorsätze für das neue Jahr?

Es sind eher Wünsche als Vorsätze. Für die Gemeinde wünsche ich mir, dass sich alles weiter so gut entwickelt und wir die Flüchtlingssituation im Griff behalten. Ganz privat: gesund und lebensfroh bleiben – darauf baut sich alles andere auf.