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Hilfeangebot in Ganderkesee Demenzerkrankungen: Wie das Café Malta zum Durchatmen verhilft

Von Ole Rosenbohm | 19.09.2019, 16:20 Uhr

Die Demenz stellt große Herausforderungen an alle dar. An Patienten wie für deren Angehörige. Im Café Malta vermitteln Expertinnen Malteser Hilfsdienst, wie beide Seiten mit der Krankheit umgehen können – und schaffen so auch Entlastung.

Wo ist bloß der Schlüssel? Wohl jeder musste sich diese Frage schon stellen. Aber während Gesunde ihre Irritation durch Innehalten und etwas Konzentration beseitigen, ist das Gesuchte für Demenz-Patienten komplett verschwunden. „Der demenziell veränderte Mensch“, sagte Heike Walter vom Malteser Hilfsdienst, „hat in 20 Sekunden vergessen, wo der Schlüssel liegt – er weiß nur, was vor zehn Jahren war.“

Demenz springt - und ist nicht heilbar

Angehörige von Patienten, oft nervlich stark belastet durch die Krankheit des Lebensgefährten, der Mutter oder des Vaters, haben sich am Mittwochnachmittag im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum Einjährigen in Ganderkesee über die Wahrnehmung von Demenzkranken informiert. Und berichteten selber: Eine Besucherin etwa erzählte, wie ihre Mutter sie manchmal scheinbar grundlos beschimpft habe oder im Krankenhaus schreiend den Pfleger des Diebstahls bezichtigt habe. Und wie weh es tue, wenn sie von ihr nicht mehr erkannt werde.

Walter konnte erklären: „Sie meint nicht Sie“, sagte die Expertin. „Sie sieht jemand anderen, jemanden von früher.“ Dazu komme die für alle ja angespannte Krankenhaus-Situation. Dass die alte Dame wieder zu Hause wie geheilt wirkte, sei normal: Denn „die Demenz springt“. Nur heilbar ist sie nicht.

Parcours informiert über Gefühlswelt von betroffenen

Wie schwer es Demente haben, zeigte beispielhaft ein aus 13 Stationen bestehender Demenzparcours mit vermeintlich leichten Aufgaben, die aber enorm erschwert waren. Eine Murmel mit einem Plastiklöffel von einer Schale in ein kleines Gefäß verfrachten, scheint einfach. Wenn aber der Aufbau nur über einen Spiegel zu sehen ist und die eigenen Hände gar nicht, wird es kompliziert – und frustrierend. Besonders wenn neben der Station – es gehört zum Spiel – jemand wie Demenz-Referentin Hiltrud Espelage auf die Probanten einredet. „Merken Sie, dass Sie aggressiv werden? Verzweifeln Sie gerade?“ Dieses Gefühl, sagte sie dann, haben Demenz-Patienten jeden Tag.

Hilfe für die Angehörigen

Hilfe ist angesagt für die Patienten in dieser belastenden Lebenssituation. Indem Bekannte – um der Unsicherheit entgegenzuwirken – mit Namen angesprochen werden, indem Erinnerungen über Fotos frisch gehalten werden, indem gut gemeinte Einwürfe aus Sicht des Patienten nicht immer wie Schuldzuweisungen klingen. Statt: „Mensch, du hattest doch schon einmal einen Herzinfarkt“ könnte man lieber fragen: „Sag mal, hattest du nicht damals schon einen Herzinfarkt?“ Aber auch Walter weiß, was ein Besucher anmerkte: „Immer Schönreden kriegen Sie nicht über den ganzen Tag hin.“

Hilfe gibt es auch für die Angehörigen: Tagespflegen oder Pflegekassen bieten sie an. Und die Malteser veranstalten an der Robert-Bosch-Straße 2 montags von 13 bis 17 Uhr das „Café Malta“ für Demenz-Patienten. Die Anmeldung hierzu ist unter der Telefonnummer (04221) 17006 möglich. Ramona Dittmer, Marion Frost und Renate Schalch spielen dabei mit ihren Gästen, basteln, malen und singen. Beliebt sei Jakkolo.

Angehörige sollen sich informieren

Vier Stunden zum Durchatmen für die Angehörigen und auch eine angenehme Zeit für ihre Gäste, versprechen die drei Demenz-Begleiterinnen: „An manchen Dingen hat jede und jeder Spaß.“ „Durchatmen“ ist nicht Heike Walters einziger Tipp, wenn die Demenz eines Familienmitglieds belastet: „Sprechen Sie mit ihrem Hausarzt, holen Sie ihn ins Boot. Informieren Sie Ihr Umfeld, damit auch die Nachbarn Bescheid wissen, wenn Ihr Angehöriger im Winter ohne Mantel herumläuft. Und nutzen Sie professionelle Hilfen.“