Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Diskussion im Kreis Oldenburg Gerangel um motorisierte Mobilität im Alter

Von Thorsten Konkel | 22.11.2018, 11:32 Uhr

Ganderkesee/Landkreis Oldenburg. Die Polizei kennt zwei besondere Risikogruppen im Straßenverkehr: junge und alte Fahrer.

Angesichts einer Häufung von Verkehrsunfällen unter Beteiligung von Älteren in der letzten Woche hat unsere Zeitung Zahlen bei der Polizei und Meinungen bei der Verkehrswacht für den Kreis Oldenburg und beim Ganderkeseer Seniorenbeirat eingeholt.

Zum Schutz der Fahranfänger gibt es eine Reihe spezieller Regelungen, darunter den Führerschein auf Probe. Doch für Senioren am Lenkrad gibt es bislang keine. Auch keine, wie schon gefordert, besondere Gesundheitsprüfung.

Für Christel Zießler, Vorsitzende der Verkehrswacht für den Landkreis Oldenburg, sind es weniger die Alten, sondern vielmehr die Jungen, die sich immer weniger an die Verkehrsregeln halten: „Ich fahre im Jahr rund 15000 Kilometer mit dem Auto“, sagt die 73-jährige Falkenburgerin, die, wie sie betont, seit ihrer Führerscheinprüfung im Alter von 19 Jahren noch immer unfallfrei mit dem Auto unterwegs ist.

Jüngere Fahrer sind„gefühlt“ risikobereiter

Generell, so Zießlers Eindruck, seien jüngere Fahrer weitaus risikobereiter. Vor allem auf der B213 werde sie immer wieder von Jüngeren durch rücksichtslose Überholmanöver im dichten Gegenverkehr gefährdet. Und jüngere Fahrer spielten häufig an ihren Smartphones während der Fahrt. Zießler: „Auch das Setzen des Blinkers oder das Halten am Stoppschild scheinen heute nicht mehr alle Verkehrsteilnehmer zu kennen oder zu wollen.“

Ausschließlich ältere Fahrer, wie diskutiert, ab einem gewissen Alter gesundheitlich zu überprüfen, hält Zießler für ebenso diskriminierend wie Jürgen Lüdtke, Vorsitzender des Ganderkeseer Seniorenbeirats.

„Natürlich sollten wir alles tun, um Unfälle zu vermeiden“, betont Lüdtke. „Wenn eine Gesundheitsprüfung etwa alle zehn, 15 Jahre für alle Führerscheininhaber verpflichtend wäre, würde ich das gutheißen“, so der Seniorenbeiratsvorsitzende.

Gestiegene Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr

Auch Lüdtke hat eine gestiegene Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr festgestellt, „bei Jüngeren so bis 50 Jahre“, sagt der 71-Jährige.

In der Tat hat die Polizei zwei besondere Risikogruppen im Straßenverkehrausgemacht: junge und alte Fahrer. Laut der Statistik der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch haben sich 2017 im Landkreis Oldenburg sowie in der Stadt Delmenhorst insgesamt 4561 Verkehrsunfälle aufgrund verschiedener Ursachen ereignet.

3062 davon geschahen im Kreisgebiet, 1499 fanden innerhalb der Stadtgrenzen statt. Insgesamt gelten 684 „ältere Verkehrsteilnehmer“, so bezeichnet die Polizei die Gruppe der Autofahrenden ab dem vollendeten 65. Lebensjahr, als Unfallverursacher.

Um einen entsprechenden Vergleich zu der Risikogruppe „Junge Fahrer“ (18 bis 24 Jahre) ziehen zu können: Bei den 4561 von der Polizei aufgenommenen Verkehrsunfällen werden 635 junge Fahrer als Hauptverursacher geführt. Alle Zahlen sind auf die Menge der von der Polizei verzeichneten Unfälle bezogen, daraus lässt sich keine generelle Unfallhäufung in einer Altersgruppe ausmachen. Soweit die nackten Zahlen.

Thema Mobilität im Alter im Blick

Der Seniorenbeirat hat laut Lüdtke das Thema Mobilität im Alter fest im Blick: „2019 veranstalten wir wieder einen Seniorentag im Ganderkeseer Rathaus. Dabei werden wir erneut die Polizei mit einem Reaktionstest für ältere Autofahrer zu Gast haben“, verspricht er.

Im 1063 Quadratkilometer großen Landkreis Oldenburg will Zießler den Älteren ihre motorisierte Mobilität so lange wie möglich erhalten. „Ich kann allerdings nur empfehlen, freiwillig an den Sicherheitstrainings der Verkehrswacht teilzunehmen, um so die eigene Leistungsfähigkeit früh genug einschätzen zu können“, rät sie.

Im Landkreis Ammerland gibt es noch eine ganz andere Mobilitätslösung: Seniorinnen und Senioren, die freiwillig auf ihren Führerschein verzichten und ihn endgültig abgeben wollen, erhalten seit Ende 2016 von der Kreisverwaltung neben einer „Ammerländer Genussbox“ auch zehn Einzeltickets für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Ziel der Aktion ist es, älteren Menschen den Umstieg vom eigenen Auto auf den ÖPNV schmackhaft zu machen. Der Landkreis Ammerland ist mit zwei Bahnlinien, neun Buslinien und drei Bürgerbusvereinen gut erschlossen.