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Eine zweite Chance Projekt gegen Schulabsentismus in Steinkimmen

Von Kristina Müller | 23.09.2017, 15:39 Uhr

Mobbing oder Leistungsdruck sind Ursachen für Schulabsentismus. Um die Schüler wieder zurück an die Schule zu bringen, gibt es im Jugendhof Steinkimmen speziell ein Projekt.

Jan (Name von der Redaktion geändert) hatte viele Probleme in der Schule. Er störte den Unterricht und arbeitete selbst nicht mehr mit. Seit vier Wochen hat sich das nun aber grundlegend geändert. Allerdings sitzt der 15-Jährige nicht mehr in der Schule, sondern nimmt am Projekt „ Jugend stärken im Quartier – Frühe Unterstützung bei Schulverweigerung“ von VIASOL (Vereinte Integrations- und Arbeitssysteme Oldenburg-Land) im Jugendhof Steinkimmen teil.

„Wir unterscheiden zwischen passivem und aktivem Schulabsentismus“, erklärt Sozialpädagogin Marlis Koppe. Bei der ersten Form seien die Schüler zwar körperlich anwesend, würden sich aber aus der gesamten Wissensvermittlung „ausklinken“, während bei der aktiven Schulverweigerung die Schule nicht mehr regelmäßig besucht werde. Die Gründe dafür seien sehr unterschiedlich: von Mobbing bis Schulangst aufgrund des Leistungsdruckes gebe es viele psychische Probleme. „Da ist die Angst größer, als das Wissen darüber, dass das Konsequenzen haben kann“, sagt Koppe.

Wie ein ganz normaler Schulalltag

Seit 2015 gibt es das Programm, gefördert wird es durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und den Europäischen Sozialfonds. Die Anmeldung erfolgt über die Schulen in Absprache mit den Eltern, koordiniert wird das Ganze über das Jugendamt Wildeshausen. Wichtig sei aber auch der Kontakt zu Schulsozialarbeitern und -pädagogen. In das Projekt aufgenommen werden können Schüler im Alter von zwölf bis 16 Jahren, die keinen Schulabschluss haben und zur Förder-, Haupt- oder Berufsbildenden Schule gehen.

Weil das Projekt auch der Schulpflichterfüllung diene, herrsche für die Schüler auch Anwesenheitspflicht, erzählt die Sozialpädagogin. Montag bis Freitag, von 8 bis 13 Uhr – wie ein ganz normaler Schulalltag. Dafür haben die Schüler aber auch genauso an Ferien und Brückentagen frei, wie an der Schule. „Wir verstehen uns als außerschulischen Lernort“, betont Koppe.

Ein fester Unterrichtstag

Drei Tage in der Woche sind die Jugendlichen handwerklich in der Kreativwerkstatt aktiv. „Für die Schüler ist es wichtig, auch mal was anderes zu machen, als sechs Stunden lang in der Schule zu sitzen. Das sind dann aber auch Sachen, die einen bleibenden Charakter haben – nicht Beschäftigung um der Beschäftigung Willen“, erklärt Koppe. Malen, Mosaikarbeiten, Sandstrahlung, Wandmalerei und Bildhauerei stehen dabei auf dem Stundenplan. Aber auch dem Hausmeister bei der Gartenarbeit helfen gehört dazu.

Einmal pro Woche haben die Schüler einen festen Unterrichtstag, „damit sie wissensmäßig nicht in ein Loch fallen“, sagt sie. Denn die Reintegration in die Schulen sei das oberste Ziel. „Allerdings unterscheidet sich das grundsätzlich von dem, was sie kennen“, merkt Koppe an. Denn der Unterricht durch die drei Sozialpädagogen findet in kleineren Gruppen und zum Teil auch in Einzelunterricht statt. Konzentriert wird sich dabei auf die Hauptfächer Deutsch, Mathe und Englisch, aber auch aktuelle Themen wie jetzt die Bundestagswahl werden angesprochen. Zudem werden auch die Probleme der Schüler in Gesprächen aufgearbeitet. „Es ist wichtig, die individuelle Problemlage zu erkennen. Die Schüler müssen erst Vertrauen schöpfen, um entsprechend auf sie eingehen zu können“, erläutert Koppe. „Das hört sich nach Kuschelkurs an, davon sind wir aber weit entfernt. Wir haben schon unsere Anforderungen, das darf man nicht vergessen.“

Freitags findet dann immer eine Gruppenarbeit mit Feedbackrunde und Berufsorientierung statt. Zudem werden die Berichtshefte der Schüler besprochen, die sie während ihrer Zeit im Projekt als Vorbereitung auf die Ausbildung führen müssen.

Keine hundertprozentige Garantie

Zwei Schüler nehmen aktuell am Programm teil, 50 hat Koppe bislang betreut. Rund 90 Prozent konnten laut ihren Angaben für das laufende oder beginnende Schuljahr bereits erfolgreich wieder in den regulären Schulalltag integriert werden. „Das heißt aber nicht, dass das eine hundertprozentige Garantie ist, dass sie wieder regelmäßig zur Schule gehen und ihre Probleme weg sind“, betont die Sozialpädagogin.

Wieder zur Schule zu gehen, darauf freut sich Jan aber jetzt schon besonders, auch wenn er sich im Projekt gut aufgehoben fühlt: „Hier kann ich meinen Abschluss ja nicht machen. Ich bin froh, wenn ich wieder in der Schule bin, da habe ich meine Freunde.“