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Einzelhandel in der Region Grossisten-Insolvenz schockt den Buchhandel

Von Reiner Haase | 19.02.2019, 20:47 Uhr

Ganderkesee/Hude/Delmenhorst Mit KNV ist der Branchenprimus des Buchgroßhandels insolvent. Die Kunden des hiesigen Buchhandels bekommen die Folgen noch nicht zu spüren. Veränderungen sind allerdings absehbar.

„Das ist ein Schock für die Branche“, sagt die Huder Buchhändlerin Gerburg Schaller zur wenige Tage alten Meldung, dass Buchgroßhändler Koch, Neff & Volckmar (KNV) Insolvenz angemeldet hat. „KNV ist systemrelevant“, ist ihr Ganderkeseer Branchenkollege Gustav Förster überzeugt, „wenn aus der Insolvenz eine Pleite würde, könnten Libri und Umbreit als Branchengrößen zwei und drei das KNV-Geschäft nicht kurzfristig übernehmen und auch kein anderer.“

Keine Lücken in Regalen

Und doch sind die Inhaber des „Lesen & mehr“-Geschäfts in Hude und der Buchhandlung Förster in Ganderkesee überzeugt, dass die Schockwelle der Insolvenznachricht, die sich mehr und mehr über die Medien ausbreitet, keine Lücken in ihre Regale reißt. Weder Schaller noch Förster bestellen ihre Bücher beim Branchenprimus, sondern bei anderen Grossisten. Das gilt auch für die Delmenhorster Buchhandlungen Decius, Jünemann und Lesezeichen/Dauelsberg. Häufig bestellen die Buchläden die Tagesware bei zwei oder mehr Großhändlern. „Ich habe mich immer bemüht, mein Geschäft von niemandem abhängig zu machen“, erklärt Schaller schon beispielhaft für den hiesigen Buchhandel.

Tempo im Buchhandel

Für die Delmenhorster Buchhändlerin Sabine Jünemann ist wichtig, dass ein gestern bestelltes Buch heute in ihrem Laden abgeholt werden kann. KNV als Grossist für das Barsortiment habe sich beim Versuch, zu den ganz Großen im Geschäft aufzuschließen, selbst in Schwierigkeiten gebracht. Buchhändler seien abgesprungen, weil das Versprechen der Belieferung über Nacht zu häufig nicht eingehalten worden sei.

Warnung vor Panik

„Alles ist immer schneller und ausgeklügelter geworden. Dass das System auch störanfälliger geworden ist, zeigt sich jetzt. Wir warten gespannt auf die Auswirkungen der KNV-Insolvenz in ein zwei Wochen“, sagt Iduna Tiedemann von der Decius-Buchhandlung in Delmenhorst. „Vielleicht dauert es dann zwei oder drei Tage, bis ein Buch bei uns eingetroffen ist. Aber davon geht die Welt auch nicht unter“, gibt sich die Huderin Schaller gelassen. „Wir sollten keine Panik draus machen“, mahnt auch Förster in seinem Laden in Ganderkesee. Sein Hinweis, dass viele Bücher nicht übers „Gestern bestellt, heute geliefert“-System des Barsortiments eines Grossisten in seine Regale gekommen sind, sondern über Bestellungen bei den Verlagen, gilt auch für die anderen Einzelhändler.

Verlage betroffen

In den Medien wird darüber spekuliert, dass KNV sich beim Aufbau eines riesigen neuen Logistikzentrums am Erfurter Autobahnkreuz verhoben hat. Die Rede ist von einem Investor, der kurzfristig abgesprungen ist. Die hiesigen Buchhändler sind durch die Bank davon überzeugt, dass die Verlage, insbesondere die Kleinen der Branche, in Existenznot geraten können. Sie haben bei KNV in Erfurt große Mengen Bücher eingelagert, teils mehr als die Hälfte der Druckauflage, und müssen fürchten, dass Erlöse ausbleiben. „Kleinen Verlagen kann es das Genick brechen, dass das Weihnachtsgeschäft 2018 noch nicht abgerechnet ist“, sagt Buchhändler Förster. Buchhändlerin Tiedemann benennt eine eigene Vorsichtsmaßnahme: Remittenden werden nicht nach Erfurt zurückgeschickt. „Wer weiß, was bei der Insolvenz rauskommt“, unkt sie, „ich kann schnell mal einen Tausender in den Sand setzen.“