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Erinnerung an die Adventszeit 1946 Herdfeuer wärmte das Herz des jungen Postboten

Von Hermann Bokelmann | 24.12.2016, 11:00 Uhr

Hermann Bokelmann lieferte als Postbote 1946 auch viele Hoffnung machende Nachrichten aus. Ein Erlebnis in der Adventszeit ist ihm besonders haften geblieben.

Immer in den dunklen Tagen vor Weihnachten, die der Volksmund im Harpstedter Raum vielfach als „De düstern Dage vör Winkelsett“ bezeichnete, erinnere ich mich an ein Erlebnis in der Adventszeit des Jahres 1946. Die Post hatte nach dem Krieg erst im Februar 1946 ihren Betrieb wieder aufgenommen. Da der Posthalter in Dünsen als Soldat den „Heldentod fürs Vaterland“ in Russland gestorben war, wurde ich als Briefträger für Dünsen und Klosterseelte eingestellt.

Jahrelanges Warten auf Nachricht aus Russland

Die Masse an Post, die es heute gibt, gab es damals nicht. Es gab noch keine Tageszeitungen und Zeitschriften, keine Rechnungen und Werbepost. Umso mehr warteten die Menschen auf Briefe von Angehörigen. Im Sommer waren die Heimatvertriebenen aus Schlesien und Pommern gekommen. Vielfach waren sie notdürftig untergebracht, oft nur in einem Zimmer oder in alten Speichern, bei denen der Wind durch Fenster und Türspalten pfiff. Sie warteten alle auf Nachricht vom Suchdienst des DRK, um zu erfahren, wohin es ihre Angehörigen verschlagen hatte. Viele Männer waren noch in der Kriegsgefangenschaft. Die Briefe aus England und Amerika kamen oft, die Karten aus Russland seltener. Viele Frauen und Mütter haben sogar jahrelang gewartet – und bekamen nie Nachricht.

Das ganze Dorf lag im Dunkeln

Ich war in der Adventszeit 1946 an einem späten Nachmittag am Ende der Tour bei den letzten Häusern in Klosterseelte angelangt. In der hereinbrechenden Dämmerung musste ich mich auf Ordemanns Hof der Angriffe des Ganters erwehren, der mir zischend an die Hosenbeine wollte. Als ich beim nächsten Hof ankam, lag das ganze Dorf im Dunkeln – das Überlandwerk Syke (Vorläufer von Eon) hatte wieder den Strom abgeschaltet.

Die Kraftwerke hatten in der Nachkriegszeit nicht genügend Kohle, um den erforderlichen elektrischen Strom zu erzeugen, dabei gab es noch keine Fernsehgeräte, Waschmaschinen, Geschirrspüler und PCs. Heute bricht gleich die Welt zusammen, wenn der Strom ausfällt.

Kleiner Schimmer ging vom Herdfeuer aus

Bei Döpkes tappte ich über den dunklen Flur zur Küche hin. Dort war aber auch kein Licht, nur ein kleiner Schimmer drang vom Herdfeuer herüber. „De Kerls sind mit de Petroleumslampen in Staal ud fort dat Veeh“, meldete sich Mutter Döpke aus der Dunkelheit.

Ich wusste, dass ich gute Post für sie hatte, die ich aber erst in meiner Zustelltasche finden musste. Da half mir das Feuer im Herd, auf dem schon in der großen Pfanne die Bratkartoffeln für das Abendessen brutzelten. Ich öffnete das Feuerungstürchen, ging in die Hocke – das ging mit 18 Jahren besser als mit 80 – und zog die Karte mit dem Roten Halbmond hervor: Es war eineinhalb Jahre nach Kriegsende die erste Nachricht von Döpkes Sohn Heinrich aus dem Kriegsgefangenenlager in Russland.

Wahre Licht zu Weihnachten kaum noch zu erkennen

Die Karte aus Russland und der Feuerschein aus dem Herd brachten in der Adventszeit des Jahres 1946 mehr Licht, als Tausende von Lampen und Lichterketten, die heute in der Vorweihnachtszeit so stark leuchten, dass die Menschen das wahre Licht zu Weihnachten kaum noch erkennen.

Lasst uns dankbar sein, dass wir weiterhin Weihnachten in Frieden erleben dürfen, und helfen wir den Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen.