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Experten diskutieren in Kirchhatten Wolf wird zur Herausforderung für den Landkreis

Von Thorsten Konkel | 18.03.2015, 13:41 Uhr

Raubtier oder bloß ein neuer „wilder Mitbewohner“ ? Rund 200 Zuhörer haben sich in Kirchhatten von Experten informieren lassen. Diskutiert wurde über den Wolf teils hochemotional.

Der Wolf ist zurück in Land und Kreis, doch mit welchen Konsequenzen für Mensch und Tier? Eine Bestandsaufnahme haben am Montagabend Experten in Kirchhatten versucht. Deichschäfer Dieter Voigt, die Wolfsbeauftragte Dr. Britta Habbe (Landesjägerschaft Niedersachsen/LJN), Konstantin Knorr aus dem Landes-Umweltministerium und ihr moderierender Gastgeber, der Grünen-Landtagsabgeordnete Hans-Joachim Janßen, bildeten im Gasthaus Zum Deutschen Hause die aktuelle Entwicklung nach der natürlichen Rückkehr des Wolfs jeweils aus ihrer Sicht ab. Rund 200 Gäste diskutierten mit ihnen im Anschluss streckenweise hoch emotional.

Verschiedene Erwartungen

Die Erwartungen des Gefahrenpotenzials durch den Wolf spannten sich dabei vom neuen aber willkommenen Mitbewohner in einer vom Menschen geprägten Kulturlandschaft – der notfalls in seine Schranken gewiesen wird – bis zum rücksichtslosen Beutegreifer, der auch vor schutzlosen Nutztieren und selbst kleinen Kindern nicht Halt macht. Potenzielle Opfer seien auch Jogger oder Spaziergänger mit Hunden, raunte es durch den Saal.

Kleinschäfer sind überfordert

„Wir können das Willkommenheißen nicht mittragen“, stellte Deichschäfer Voigt aus Huntebrück klar. Zu teuer und zu unpraktikabel seien die Schutzmaßnahmen auch für Hobbyschäfer. „Wir brauchen wolfsfreie Zonen. Denn an der Küste und an Bundeswasserstraßen dürfen gar keine Zäune aufgestellt werden, Schutzhunde kosten übers Jahr Tausende, die Kleinschäfer sind beim wolfsabwehrenden Grundschutz überfordert“, sagte er.

„Wer haftet, wenn der Wolf meine Kühe ausbrechen lässt und sie auf die Autobahn flüchten?“, wollte ein Milchviehhalter wissen.

Aufnahme ins Jagdrecht keine Lösung

Ob die Akzeptanz für das streng geschützte Wildtier bei den Bürgern steige, das hänge auch deutlich von seiner Vermehrung und der damit verbundenen Nähe zu dem Menschen ab, gab Dr. Habbe zu bedenken. Derzeit, so die Wolfsbeauftragte, vermehre er sich stark und besetze neue Reviere rasch.

Doch noch immer sei zu 94 Prozent Reh-, Rot- oder Schwarzwild die Hauptnahrungsquelle des Wolfs, betonte sie.

„Der Wolf ist gewollt“

Eine Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht sei keine Lösung: „Er ist als stark gefährdete Art eingestuft und genießt in der gesamten EU den höchsten Schutzstatus“, betonte Ministeriumsmitarbeiter Knorr. Ende 2015 sei er wohl schon in ganz Niedersachsen anzutreffen, man müsse lernen, mit ihm zu leben, blickte er voraus und betonte: „Der Wolf ist gewollt.“

Ängste und Ablehnung überwiegen

Das Wolfsmonitoring für das Land liegt bei der LJN. Auf die Einschätzung allein dieser Experten sei notfalls angesichts der mittlerweile langen Dauer bis zur Auszahlung von Entschädigung zurückzugreifen, schlug Janßen vor. Die Zahlungen verzögerten sich wegen DNA-Tests, die vor den sogenannten „Billigkeitsleistungen“ des Landes für gerissene Nutztiere anstünden, erklärte er. „Der Wolf oder wir“, diese Formel mochte Janßen nicht gelten lassen.

Ob sich in der Kulturlandschaft aber eine dauerhafte Koexistenz erreichen lässt, müsse sich noch zeigen, räumte Dr. Habbe ein.

Das Stimmungsbild in Kirchhatten war dafür um so deutlicher: Ängste und Ablehnung überwogen bei den Gästen trotz des erklärten politischen Willens, das einst ausgerottete Wildtier dauerhaft anzusiedeln. Auch der Zwischenruf „Der Wolf ist keine Erfindung der Grünen“ konnte diese wogenden Emotionen nicht glätten.