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„Fall Niels H. noch lange nicht zu Ende“ Interview mit Todespfleger-Nebenkläger Christian Marbach

19.05.2015, 19:29 Uhr

Nach dem Urteil gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels H., der mehr als 30 Morde am Klinikum Delmenhorst gestanden hat, geht es für Christian Marbach, Sprecher der Angehörigen der Mordopfer, weiter. Der Strafprozess sei ein Meilenstein gewesen. „Wir werden uns aber weiter einbringen und die ganze Geschichte umfangreich öffentlich dokumentieren“, sagte Marbach im Interview.

 Herr Marbach, das Klinikum Delmenhorst hat sich jetzt bereit erklärt, den Angehörigen der Opfer des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. Entschädigung zu zahlen. Sind Sie mit dieser Entwicklung zufrieden? 

Christian Marbach: Ja. Es ist eine Wendung, die wir zwar immer gefordert haben, aber wir freuen uns über die konkrete Zusage.

 Was können die Angehörigen erwarten? Um welche Summen geht es? 

Es geht nicht um Millionen wie in den USA. Wir werden neben dem Schmerzensgeld die Kosten für Beerdigungen, Renten und Unterstützungsleistungen für die Angehörigen einfordern. Den Schmerz und den Verlust kann und wird uns niemand bezahlen können.

 Wie geht es den Angehörigen inzwischen? Sind sie gut betreut worden? Haben sie die Hilfsangebote – zum Beispiel von Polizei und Kirchen – angenommen? 

Wir als erste Gruppe der Nebenkläger, die maßgeblich dafür gesorgt haben, dass die Taten aufgeklärt werden, können jetzt anderen Angehörigen viel Kraft geben, weil wir wissen, was auf sie zukommt. Es gibt eine starke Unterstützung der Opferangehörigen untereinander und eine Betreuung durch unsere Rechtsanwältin Gaby Lübben und der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Andere Angebote werden eher anlassbezogen wahrgenommen, zum Beispiel im Rahmen der Exhumierungen.

 Niels H. sitzt wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung lebenslang hinter Gittern. Er hat allerdings 30 Morde gestanden ... 

Sein Geständnis haben wir in Anbetracht der circa 200 ungeklärten Todesfälle in Delmenhorst und Oldenburg nicht geglaubt. Es gibt weitere Fälle im Rahmen der jetzigen Exhumierungen. Die genaue Zahl steigt ständig.

 Sind Ihnen die Ergebnisse nach den bisherigen Exhumierungen bekannt? 

Ja. Es hat einige weitere Funde gegeben, die auf Mord deuten.

 Glauben Sie, dass jemals alle Fälle aufgeklärt werden können? Schließlich sind sehr viele Patienten, die während der Dienstzeit von H. ums Leben gekommen sind, nicht erd-, sondern feuerbestattet worden. 

Es wird eine hohe Zahl an ungeklärten Fällen übrig bleiben. Das ist belastend für die Angehörigen.

 Ein ehemaliger Staatsanwalt ist inzwischen angeklagt worden, weil er die Ermittlungen verschleppt haben soll. Glauben Sie, dass alle Verantwortlichen letztendlich zur Rechenschaft gezogen werden? 

Ich weiß, dass einige Verantwortliche strafrechtlich nicht mehr belangt werden können – was in Anbetracht der eingestandenen Verzögerungen ärgerlich ist. Andere wiederum haben falsch, aber nicht strafrechtlich falsch gehandelt. Wir werden unseren Weg weiter fortführen und jeden drankriegen, der sich schuldig gemacht hat. Das wird nicht nur juristisch geschehen können, wir werden auch die Widersprüche und aufgedeckten Lügen der Verantwortlichen akribisch öffentlich dokumentieren.

 Wie geht es jetzt weiter? 

Der erste Strafprozess war ein wichtiger Meilenstein: Der Täter ist verurteilt, die Staatsanwaltschaft ermittelt endlich, und die Versäumnisse werden aufgearbeitet. Jetzt kümmern wir uns um die zivilrechtlichen Ansprüche. Ganz wichtig ist derzeit auch die persönliche Betreuung weiterer Angehöriger. Darüber hinaus werden wir uns weiter einbringen und die ganze Geschichte umfangreich in der Öffentlichkeit darstellen.

 Haben Sie bemerkt, dass das Interesse mit dem Urteil weiter nachlässt? 

Ich habe bereits während des Prozesses angefangen, ein Buch über den Fall zu schreiben, in dem es nicht nur um das strafrechtliche Verfahren geht, sondern auch darüber, was wir erfahren und erlebt haben. Das wird noch lange dauern, zumal der Fall ja nicht abgeschlossen ist. Aber es wird auch andere Aspekte berücksichtigen.

 Haben Sie einmal daran gedacht, Kontakt zum Todespfleger aufzunehmen, um eventuell doch noch mehr zu erfahren? 

Ich habe bereits während des Prozesses aktiv Kontakt zu ihm gesucht und schreibe ihm gerade, um ihn im Gefängnis zu treffen.

 Der niedersächsische Landtag hat einen Sonderausschuss zur Aufarbeitung der Krankenhausmorde in Delmenhorst eingerichtet. Haben Sie zwischenzeitlich schon etwas Näheres gehört? 

Wir sind inzwischen im Gespräch mit Landtagsmitgliedern, um über den Fall zu informieren und eigene Forderungen einzubringen, damit solche Taten zukünftig schneller aufgeklärt werden.

 Worum geht es da beispielsweise? 

Unsere Forderung besteht in einem professionellen Whistleblower-System, an das sich im Verdachtsfall jeder wenden kann und das von den Kliniken unabhängig ist. Zudem unterstützen wir die Einrichtung von Patientenbeauftragten.

 Was muss künftig besser werden, damit derartige Taten wie am Klinikum nicht wieder passieren? 

Das systematische Wegsehen und Vertuschen der Verantwortlichen darf nicht funktionieren. Dafür muss man organisatorische Maßnahmen umsetzen.

 Können Sie den Ärzten und Pflegern des Klinikums Delmenhorst noch – oder wieder – vertrauen? 

Mein Vertrauen in das Klinikum wurde durch einen Mörder und die Verantwortlichen erschüttert, die, obwohl sie von den Taten wussten, jahrelang nicht auf der Seite der Opfer standen. Damit meine ich Klinikführung und auch die politischen Verantwortlichen im Aufsichtsrat des Klinikums und im Rathaus. Wir haben immer deutlich unterschieden zwischen einem einzelnen Massenmörder und den zahlreichen Menschen, die täglich vorbildliche Arbeit leisten und anderen Menschen helfen. Dieses dankbare Vertrauen in Ärzte und Pfleger konnten diese Taten nicht erschüttern.

 Thema Krankenhausgesetz-Änderung: Sie hatten moniert, dass kein Vertreter der Angehörigen der Opfer und auch kein Vertreter des Weißen Ringes eingeladen und angehört wurde. Gab es da Resonanz? 

Ja. Das ist inzwischen geklärt. Wir sind dabei.