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Flucht in ein neues Leben Die Syrer von Elmeloh

Von Thomas Breuer | 25.03.2016, 11:28 Uhr

Exakt sieben Flüchtlingen leben derzeit in Zwei junge Familien aus Syrien, die im Dorfgemeinschaftshaus untergebracht sind und einiges durchgemacht haben.

Es war ein Abend mit Nachwirkungen. Nachdem sich Abdalsalam Abdalrzak (27) und sein Bruder Waled (24) mit ihren Familien Anfang März auf der Jahreshauptversammlung des Heimat- und Ortsverein Elmeloh-Almsloh vorgestellt hatten, bekamen sie dafür nicht nur Beifall, sondern in den Folgetagen auch immer wieder Besuch. Etwa 20 Mal seien interessierte Menschen bei ihnen gewesen, schätzen die jungen Syrer. Bei ihnen, das heißt im oder am Dorfgemeinschaftshaus in Elmeloh, in dem die beiden insgesamt siebenköpfigen Flüchtlingsfamilien ein neues Zuhause auf Zeit gefunden haben.

Abdalsalam Abdalrzak, der mit seinem Bruder im Oktober vergangenen Jahres in Ganderkesee ankam, hat sich in den zurückliegenden Monaten bereits gute Deutschkenntnisse angeeignet. Wenn es hakt, steigt er auf Englisch um. Was er zu erzählen hat, gibt Einblick in Lebenwege, wie sie der anhaltende Bürgerkrieg in Syrien in großer Zahl hervorbringt.

Wachsender Druck auf junge Männer in Syrien

Was hat die aus Kamischli an der nordörtlichen Grenze Syriens stammenden Brüder letztlich bewogen, die Heimat für eine ungewisse Zukunft in weiter Ferne aufzugeben? Natürlich, die Unruhen im Land, speziell aber, so berichtet Abdalsalam Abdalrzak, sei es der wachsende Druck auf die jungen Männer gewesen, sich in die Reihen der Waffenträger einzugliedern. Die kurdischen Kämpfer hätten sie rekrutieren wollen, sagt er, und Staatschef Bashar al-Assad ebenso. Dazu versuche Daesch – die sich selbst als Islamischer Staat bezeichnende Terrororganisation –, immer neue Kräfte für die eigene Sache einzubinden. In diesen Wirren sei etwa Waled dreimal festgenommen worden.

Es ist für sie eine andere Welt, dieses Deutschland, das wird aus jedem Satz deutlich. „All things here are good“, sagt Abdalsalam Abdalrzak, alles hier ist gut. Erst recht, seit den beiden Brüder auch ihre Frauen und Kinder, begleitet von männlichen Verwandten, folgen konnten. Es war ein Freudentag, als die Angst um die Lieben der großen Wiedersehensfreude weichen konnte.

1200 Dollar pro Person für die Schleuser

Dass die Flucht nicht umsonst zu haben war, es liegt auf der Hand und wird von den jungen Familienvätern bestätigt. 1200 Dollar seien für eine Person an Schleuser zu zahlen gewesen, sagen sie. Die große Familie hat das Geld irgendwie aufgebracht. Abdalsalam und Waled Abdalrzak haben noch einen Bruder, der inzwischen auch in Ganderkesee lebt, dazu zwei weitere Brüder und sieben Schwestern. In Syrien, sagen sie, gebe es oft viele Kinder, auch als Altersversicherung für die Eltern.

Waled selbst hat einen anderthalbjährigen Sohn, Abdalsalam bereits einen zwei- und einen vierjährigen Sohn – und weiterer Nachwuchs kündigt sich an. Seine 22-jährige Frau Hajer ist im vierten Monat schwanger, wird bald ihr erstes Kind in Deutschland zur Welt bringen. Das Paar selbst ist von der Familie füreinander ausersehen worden, wie das in Syrien nun einmal so sei. Vier Jahre liegt die Hochzeit zurück.

Die Frauen der Brüder sind nicht im Raum, als sie Einblick in ihre Lebensgeschichte geben. Das sei aber gar nicht bewusst so abgesprochen, gibt sich Abdalsalam Abdalrzak weltoffen. Er habe seiner Frau auch schon vorgeschlagen, hier in Deutschland etwas kürzere Röcke zu tragen. Das habe sie mit Verweis auf ihren muslimischen Glauben zurückgewiesen.

Elmeloher Familie hilft bei der Integration

Dass die syrischen Familien in der deutschen Gesellschaft schon ein Stück weit heimisch geworden sind, ist Menschen wie Antje (40) und Jens Gause (41) zu verdanken. Beide haben sich der jungen Syrer sofort und aus freien Stücken angenommen. Jens Gause sitzt mit auf dem Sofa, als Abdalsalam und Waled über ihr Leben berichten, das Verhältnis ist herzlich. Später wird Jens Gause mit den Kindern im Garten des Dorfgemeinschaftshauses herumtollen. „Auch für unsere eigenen Kinder ist es wichtig zu sehen, dass die Welt sehr klein geworden ist“, sagt der Elmeloher, der für die Grünen im Gemeinderat sitzt. Seine Frau Antje möchte den beiden syrischen Frauen demnächst auch Bremen zeigen.

Arbeiten wollen die Brüder möglichst bald

Deutschkurse, ein Dach über dem Kopf, ausreichend zu essen – all das sei sehr gut, sagt Abdalsalam Abdalrzak. Aber er möchte vor allem eines: arbeiten, sich nützlich machen. An der Grenze zur Türkei war er in seinem früheren Leben für den Zoll tätig, in Deutschland möchte er sich am liebsten als Pfleger einbringen.

Die Flucht hat die beiden Brüder über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland geführt. 27 Tage verbrachten sie in Köln, elf Tage in Bramsche, bevor es nach Ganderkesee ging. Ob sich beide eine Rückkehr nach Syrien vorstellen können? „Ich liebe Deutschland und bin allen sehr dankbar“, sagt Abdalsalam Abdalrzak, „aber meine Eltern in Syrien, denen es jetzt nicht gut geht, liebe ich noch mehr.“ Mit ihnen vereint wieder glücklich und in Frieden dort leben zu können, es scheint sein größter Wunsch zu sein.