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Frau bildete das Tier selbst aus Hund aus Hatten kann Diabetes erschnüffeln

Von Bettina Dogs-Prößler | 22.10.2018, 20:22 Uhr

Michaela Ristau bildet Diabetes-Anzeigehunde aus. Als Betroffene weiß sie, worauf es dabei ankommt – und wie wertvoll der Hund im Ernstfall sein kann.

Ihr besonderes Riechvermögen macht Hunde zu unverzichtbaren Helfern des Menschen. Ihre hochsensible Nase kann Gerüche 800.000 mal besser wahrnehmen als die des Menschen, bis heute gibt es kein Gerät, das diese Leistung nachahmen kann. Der fünfjährigen Frieda wird das ziemlich egal sein. Sie liegt lieber mit dem Bauch in der Sonne und freut sich, wenn Frauchen Michaela Ristau sie zum Spielen auffordert. Dass diese Spiele für die 42-jährige Frau aus Hatten überlebenswichtig sind – das weiß Frieda nicht.

Seit drei Jahren ist Flat-Coated-Retriever-Hündin Frieda ein Diabetes-Anzeigehund. Michaela Ristau hat ihr beigebracht, aus dem Potpourri an Gerüchen, das Hunde immerzu umgibt, auf einen ganz bestimmten anzuspringen: dem Geruch der Unterzuckerung.

Wie Hunde Diabetes erkennen

„Die Unterzuckerung hat einen ganz bestimmten Duft, der sich über den Schweiß bemerkbar macht“, sagt die 42-Jährige. Seit ihrem 20. Lebensjahr leidet Ristau unter Diabetes Typ 1, Situationen der Unterzuckerung kennt sie zuhauf. Als vor acht Jahren dann Jagdhund Leo bei ihr einzog, kam sie auf die Idee, sich die feine Hundenase zunutze zu machen. Der Hund sollte sie künftig vor kritischen Situationen warnen.

Michaela Ristau startete eine umfassende Ausbildung zur Hundeerzieherin und Verhaltensberaterin und legte ihren Schwerpunkt auf Assistenzhunde. Kurze Zeit später, die 42-Jährige hatte ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, kam Frieda ins Haus, wie schon Leo ein Flat-Coated-Retriever – aber dieses Mal nicht einfach nur als Familienhund: Frieda sollte zum Diabetes-Anzeigehunde ausgebildet werden.

Frieda bringt im Notfall sogar O-Saft

Zwei Jahre lang hat Ristau die junge Hündin auf den Geruch der Unterzuckung konditioniert, anhand von Geruchsproben, die sie von sich selbst im Zustand der Unterzuckerung genommen hat. Für Frieda war das wie ein Spiel: Immer, wenn ihr der Behälter mit dem Duft unter die Nase gehalten wurde, gab´s ein Leckerli. Dann musste Frieda den versteckten Geruch finden – war sie erfolgreich, folgte wieder ein Leckerli. Nach und nach kamen weitere Schritte dazu. „Bis beim Hund schließlich eine konditionierte Verhaltenskette abrufbar war, erklärt Ristau.

Denn im Ernstfall muss der Hund zuverlässig Hilfe holen: Sobald er den besonderen Geruch der Unterzuckerung riecht, muss er seinen Besitzer darauf aufmerksam machen. „Das kann durch Anbellen oder Anstupsen geschehen“, so Ristau. Ist der Mensch schon soweit beeinträchtigt, dass er sich nicht mehr ohne Weiteres selbst helfen kann, holt der Hund ein Täschchen mit Medikamenten, das immer an der selben Stelle steht. „Und er bringt noch eine kleine Flasche O-Saft, damit ich etwas Zuckerhaltiges zu mir nehmen kann.“ Reagiert der Betroffene dann immer noch nicht, löst der Hund über einen Schalter auf Nasenhöhe einen Notruf aus.

Ausbildung nicht gesetzlich reguliert

„Im Training wird der Hund bei den einzelnen Elementen für das richtige Verhalten unendlich oft belohnt. Gibt es auf einmal keine Belohnung, geht er automatisch zum nächsten Schritt über und probiert so, an sein Leckerli zu kommen“, schildert Ristau. Seit drei Jahren ist Frieda inzwischen ausgebildeter Diabetes-Anzeigehund.

Ihre Prüfung hat Michaela Ristau über den Bremer Verein „Dogs with Jobs“ absolviert, der versucht, die Ausbildung von Assistenzhunden auf einen einheitlichen Standard zu bringen. „Der Begriff ,Diabetes-Anzeigehund´ sowie die Ausbildung sind leider nicht gesetzlich geschützt“, schildert Ristau. „Das bedeutet, jeder in Deutschland könnte die Ausbildung anbieten – ob er dazu qualifiziert ist oder nicht.“

Rasse nicht entscheidend

Ristau selbst hat sich lange darauf vorbereitet, um aus ganz normalen Hunden Hunde mit besonderen Fähigkeiten machen zu können. Seit 2012 bildet sie als offizielle Trainerin auch für andere Diabetes-Anzeigehunde aus. Nicht nur Retriever sind darunter. Auch Doodles, Cocker Spaniel, Australian Shepard und Schäferhunde. „Die Rasse ist nicht vorgegeben, vor allem muss der Hund in die Familie passen“, so Ristau.

Sie selbst möchte nicht mehr auf den ihren tierischen Helfer verzichten. „Doch auch, wenn die Hunde zu 95 Prozent zuverlässig sind – das Messgerät können sie nicht ersetzen.“