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Friedhof in Ganderkesee abgesperrt Exhumierungen im Fall Todespfleger Niels H. beginnen

Von Thorsten Konkel | 12.03.2015, 11:26 Uhr

Die Exhumierungen im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen den Todespfleger von Delmenhorst haben am Donnerstagmorgen in Ganderkesee begonnen.

Mit der Öffnung der ersten von insgesamt acht Gräbern auf dem Ganderkeseer Friedhof an der Urneburger Straße haben am Donnerstag neue Ermittlungen gegen den inzwischen rechtskräftig verurteilten ehemaligen Krankenpfleger Niels H. begonnen.

„Eine erhebliche Belastung“

„Für die Hinterbliebenen bedeutet die mit der Exhumierung verbundene Gewebeentnahme aus den Organen der Bestatteten eine erhebliche Belastung“, betonte Christian Marbach, Sprecher der Nebenkläger. Der Ganderkeseer Ratsherr hat dies selbst durchleben müssen. Sein Großvater war 2003 im Klinikum Delmenhorst ums Leben gekommen, und dies – wie eine Graböffnung 2010 ergab – durch die Hand des inzwischen Verurteilten. Das Urteil ist seit diesem Montag rechtskräftig: Der 38-Jährige muss wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung lebenslang hinter Gitter .

Auf der Suche nach Medikamentenresten

Die Ermittlungsbehörden überprüfen jetzt weitere Sterbefälle im Klinikum Delmenhorst, die in die Dienstzeit von Niels H. fielen und in denen die Verstorbenen erdbestattet wurden, also noch mögliche Spuren des Medikamentes „Gilurytmal“ nachgewiesen werden könnten.

Überprüft werden 174 Todesfälle , die mit der Dienstzeit von Niels H. in Verbindung gebracht werden. Mit den acht Graböffnungen in Ganderkesee gehen die Staatsanwaltschaft Oldenburg und die Soko „Kardio“ dem Verdacht nach, dass auch der Tod dieser Patienten auf eine Gabe des Medikamentes durch den Verurteilten zurückzuführen ist.

Respekt und Diskretion

Um größtmöglichen Respekt und Diskretion im Umgang mit den Exhumierungen zu bewahren, wurde der Einsatz Donnerstagmorgen mit einer weiträumigen Absperrung des Friedhofsgeländes durch Beamte der Oldenburger Bereitschaftspolizei vorbereitet. Nur Berechtigte erhielten Zutritt. Auch hat die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde ein Fotografier- und Filmverbot verhängt.

Nicht alle Angehörigen sind einverstanden

Exhumiert wird unabhängig vom Willen der Angehörigen: „Nicht alle Hinterbliebenen wollen das“, sagt Marbach und betont: „Die Angehörigen leiden, und auch innerhalb der Familien gibt es Streit darüber, ob man die Toten nicht besser ruhen lassen sollte.“

„Der Preis für die Wahrheit“

Das Vorgehen der Staatsanwaltschaft sei ebenso schmerzlich wie notwendig: „Die Störung der Totenruhe ist der Preis für die Wahrheit“, betonte Marbach.

Die Graböffnungen werden in den kommenden Tagen fortgesetzt. Die Exhumierung eines Grabes soll innerhalb eines Tages abgeschlossen sein. Dazu gehört das Ausheben des Grabes, die Untersuchung sowie die erneute Bestattung in einem neuen Sarg. Die Untersuchungen werden von der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt.

Die Familien der Toten sind nicht auf dem Friedhof dabei. Die Polizei hat ein ganzes Team von psychologisch geschulten Beamten und Seelsorgern zusammengestellt, das sich um die Angehörigen kümmert, wenn diese das wünschen.

(mit dpa)