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Ganderkeseer diskutiert mit Schülern Warum der Volkstrauertag relevant bleibt

Von Vincent Buß | 15.11.2018, 21:11 Uhr

Den Opfern von Kriegen wird am Sonntag, 18. November, gedacht. Mit einer tragischen Geschichte will der Ganderkeseer Werner Fleischer deutlich machen, dass der Volkstrauertag auch heute noch wichtig ist.

Nicht einmal 17 Jahre alt wurde Gerhard Gerdes. „Er wurde morgens ergriffen und erschossen“, erzählt der Ganderkeseer Werner Fleischer. „Wegen Fahnenflucht.“ Nur fast hätte Gerdes in Ganderkesee auch die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs überlebt. „So etwas darf sich nie wiederholen“, mahnt Fleischer.

Macht der Gedenktag auch heute noch Sinn?

Und damit sich so etwas nie wiederholt, suchte der 76-Jährige Ganderkeseer am Donnerstag, 15. November, das Gespräch mit Zwölftklässlern des Gymnasiums Ganderkesee. Er hat die Kriegsfolgen noch selbst miterlebt. Ja, es gebe den Volkstrauertag, an dem der Kriegstoten gedacht wird. „Aber macht der Gedenktag heute noch Sinn?“, fragt das Mitglied des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Fleischer bejaht diese Frage ausdrücklich: „Wir haben gar nichts gelernt – nach dem Ersten Weltkriegs nichts, nach dem Zweiten Weltkriegs nichts.“ Kriege würden schließlich immer noch geführt. „Aber wer spricht momentan noch über Syrien oder die Ukraine?“ Kriegstote gebe es außerdem durch die Bundeswehreinsätze im Ausland. Und selbst der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge birgt laut Fleischer noch Gefallene. „100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg ist ein Ende immer noch nicht abzusehen.“

Warum Kriege geführt werden

Warum sich Menschen überhaupt bekriegen, will Fleischer von den Zwölftklässlern wissen. „Aus Einzelinteressen“, antwortet eine Schülerin. Manipulation, Mitläufertum und Hass seien ebenfalls notwendig, ergänzen andere. Da wird Fleischer hellhörig: „Ist der Mensch manipulierbar?“

Ja, sind sich die Schüler einig. Durch Versprechen auf Besserung, durch Aufhetzen und durch Menschen in Machtpositionen. „Und durch Fake News“, wirft Fleischer ein, um einen Bezug zur aktuellen politischen Situation zu schaffen. „Wir brauchen eine wehrhafte Demokratie“, erklärt der 76-Jährige. Er warnt davor, dass das politische System wieder so zersplittere wie in der Weimarer Republik.

Appell an die Schüler

Dazu brauche es auch Aufklärung, findet eine Schülerin. „Viele Leute ruhen sich darauf aus, dass andere das schon richten.“ Hier sieht Fleischer einen Nutzen des Volkstrauertags. „Ohne diesen würden wir uns heute nicht über diese Themen unterhalten.“

Viele Menschen wüssten allerdings gar nicht, wann der Gedenktag ist, wendet eine Gymnasiastin ein. Ein Mitschüler pflichtet ihr bei: „Wir diskutieren darüber, aber ein Großteil der Gesellschaft vielleicht nicht.“ Fleischer appelliert deshalb an die Jugendlichen, ihr Wissen weiterzugeben. „Der Mensch ist im Krieg immer der Verlierer“, erklärt der 76-Jährige. „Es gibt dort keine Gerechtigkeit, nur Ungerechtigkeit.“

Der Ganderkeseer besucht seit etwa sieben Jahren Schulen, um über den Volkstrauertag aufzuklären. Mit den Gesprächen an diesem Tag ist er sehr zufrieden. Ihm zufolge wurde weitaus mehr diskutiert als die letzten Male. Der Lehrer Carsten Hartmann kann das bestätigen. „Die Schüler haben wieder mehr Interesse an Geschichte und Politik“, berichtet er. „Und sie sind kritischer geworden.“

Geschichte des Volkstrauertags

Der Volkstrauertag wird seit 1952 zwei Sonntage vor dem ersten Advent begangen. Eingeführt wurde er bereits in den 1920er-Jahren, auf Initiative des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die Nationalsozialisten benannten ihn um in Heldengedenktag. Erst danach fand er wieder zur ursprünglichen Bedeutung zurück, der Kriegstoten und der Opfer der Gewaltbereitschaft aller Nationen zu gedenken.