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Ganderkeseer Seniorenbeirat Hohe Dunkelziffer bei Altersarmut vermutet

Von Katja Butschbach | 20.10.2015, 09:04 Uhr

In der Gemeinde Ganderkesee erhalten 162 Senioren aufgrund von Altersarmut Sozialhilfe. Der Seniorenbeirat fordert preiswerte und barrierefreie Wohnungen.

„Wir vermuten aufgrund eigener Erfahrung aus dem familiären Umfeld, dass es bei der Altersarmut eine hohe Dunkelziffer gibt“, sagen Erika und Uwe Lisson vom Seniorenbeirat der Gemeinde Ganderkesee. Bislang seien keine Informationen über Altersarmut direkt an den Seniorenbeirat herangetragen worden. Scham spielt hier laut Uwe Lisson eine Rolle.

Viele alleinstehende Frauen betroffen

Eine Armutsgrenze, die sich etwa an der Höhe der Rente messen ließe, gibt es laut Gemeinde nicht. Jeder Fall wird individuell betrachtet, weiß Gemeindesprecher Hauke Gruhn. Insgesamt bekommen 162 Senioren in der Gemeinde Sozialhilfe wegen Altersarmut. „Sicher wird es eine Dunkelziffer geben“, meint Gruhn. Wie hoch diese sei, sei nicht klar. Betroffen seien vor allem alleinstehende Frauen – was unter anderem mit der höheren Lebenserwartung von Frauen zu tun habe.

Auch Erika Lissons Mutter etwa nutzte in ihrem alten schlecht isolierten Haus im Ort Ganderkesee nur noch wenige Räume, weil die Heizkosten so hoch waren und sie sparen musste. „Was an laufenden Kosten da war, hat ihre ganze Rente aufgefressen“, berichtet Erika Lisson. „Heizkosten sind ein großes Thema.“ Auch gebe es für einige Renten, etwa Kriegsrenten, keine Witwenrenten, was die finanzielle Situation der Frauen weiter schwäche.

Familie als Unterstützung fällt oft weg

Erika Lisson vermutet, dass Altersarmut in der Region viele Menschen mit Eigentum treffen könne. Große alte Häuser müssten gepflegt werden – wer dies selbst nicht mehr erledigen könne, müsse Hilfe in Anspruch nehmen, was teuer werden könne.

Wenn die Familie einen älteren Menschen unterstützt, so Erika Lisson, sei dieser nicht arm. Das Konstrukt, dass die Familie sich gegenseitig helfe, falle aber immer mehr weg, meint ihr Ehemann. Denn für den Beruf ziehen viele Menschen um. Auch gebe es Familien ohne Kinder – „dann kommen wir viel stärker in die Altersarmut rein“.

Jeder siebte Ruheständler von Armut bedroht

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung geht von einem insgesamt steigenden Risiko für Altersarmut aus. 2006 sei jeder zehnte Ruheständler von Altersarmut bedroht, 2013 sei es schon jeder siebte gewesen. „Besonders häufig betroffen sind Frauen, Alleinstehende, Geringqualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund“, heißt es von der Bertelsmann-Stiftung. Niedersachsen liegt im Mittelfeld: Die Armutsgefährdungsquote liegt zwischen 14,4 und 15,9 Prozent. „Wer Probleme hat, muss sich melden“, fordert Erika Lisson auf. „Altersarmut darf kein Tabuthema sein.“

Preiswerte Wohnungen gefordert

Viele Probleme hinsichtlich der Altersarmut lassen sich auf kommunaler Ebene nicht grundsätzlich lösen, meint Uwe Lisson. Vorschläge zur Prävention an die Kommune gibt es seitens des Seniorenbeirats, in dem 37 Mitgliedsorganisationen aktiv sind, aber dennoch.

Mit einer „Bereitstellung ausreichend preiswerter und barrierefreier Wohnungen möglichst im Quartier“ verbindet der Seniorenbeirat auch Selbstständigkeit, Sicherheit und Kommunikation für die Senioren.

Idee für Bürgerhaus

Zudem fordert der Seniorenbeirat erneut ein Bürgerhaus für alle Generationen. Hier könnten sich Senioren etwa regelmäßig zum Kaffee treffen. „Die soziale Altersarmut müssen wir auch bekämpfen“, sagt Erika Lisson. Ein Bürgerhaus könne auch Ort sein für ehrenamtliche Netzwerke und einen besseren Zugang zu Informationen bei Hilfs- und Pflegebedarf ermöglichen.

Der Seniorenbeirat setze von Anfang an auf Inklusion – seine Veranstaltungen richten sich an alle. So gibt es seit über sechs Jahren die Vortragsreihe „Mehr Lebensqualität im Alltag“, die kostenlos angeboten wird. Der Seniorentag im Rathaus und „Senioren on Tour“ bieten jedes Jahr Informationen über die stationären Pflegeeinrichtungen. Auch die Mitgliedsorganisationen des Seniorenbeirats hätten ihre Aktivitäten immer dem Bedarf angepasst.