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Gericht überbietet die Forderung des Staatsanwalts Haft für 18-Jährigen nach Messerattacke in Wardenburg

Von Ole Rosenbohm | 16.03.2017, 19:25 Uhr

Die Jugendstrafkammer des Landgerichts Oldenburg hat am Donnerstag einen 18-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und drei Monaten Jugendgefängnis verurteilt. Damit überbot das Gericht die Forderung des Staatsanwalts um neun Monate.

Verhandelt worden war eine Messerstecherei im vergangenen Oktober in Wardenburg. Der 18-Jährige hatte damals einen 27-Jährigen schwer verletzt.

Wer griff zuerst an?

Vieles war unklar: Wer griff zuerst an? Hatten beide ein Messer? Oder hatte der Angeklagte zwei, wie das Opfer behauptete?

Zeugen unglaubwürdig

Zudem gaben sich die befreundeten Zeugen unglaubwürdig – etwa in der Frage zum Beginn des Streits: Der 27-Jährige habe ein 15-jähriges Mädchen sexuell bedrängt, sagte der Angeklagte aus. Er habe dafür gesorgt, dass sie nicht mit dem späteren Opfer aufs Zimmer geht. Der wiederum sagte aus, er kenne das Mädchen gar nicht. Die kurzfristig ausfindig gemachte Schülerin bestätigte die Aussage des Angeklagten.

Messer eingesetzt

Trotz aller Widersprüche wollte das Gericht keine Bewährungsstrafe verhängen. „Sie hätten das Messer nicht einsetzen dürfen“, sagte Richter Dirk Reuter dem jungen Mann. Vor allem nicht, als der 27-Jährige gefallen war und auf dem Boden lag.

Opfer ist fürs Leben gezeichnet

Die Narben am Hinterkopf würden das Opfer ein Leben lang zeichnen.

Flüchtling braucht Orientierung

Eine Rolle im Urteil spielte auch die Herkunft des Angeklagten: ein Flüchtling, seit 2014 in Deutschland, quasi obdachlos. „Jemand muss ihn an die Hand nehmen, er braucht Orientierung, aber die wird ihm der Knast nicht geben“, forderte seine Anwältin Britta von Dellen-Korgel eine Bewährungsstrafe. Für einen heranwachsenden Flüchtling gebe es keine geeignete Einrichtung. Wäre ihr Mandant deutsch, hätte sie ein ganz anderes Plädoyer gehalten, sagte sie.

„Wir können nur mit den Mitteln arbeiten, die wir zur Verfügung haben“, räumte Richter Reuter ein. Allerdings habe das Jugendstrafrecht in Deutschland nur einen einzigen Zweck: den Erziehungsgedanken. „Da spielt es keine Rolle, ob Sie Deutscher oder Flüchtling sind.“

Zeit in der Haftanstalt als Chance

Der Angeklagte solle die Zeit in der Haftanstalt als Chance begreifen, lernen, erste Schritte in eine neue Zukunft gehen. Dafür brauche er Zeit. Die von der Staatsanwaltschaft geforderte Haftstrafe reiche, so Reuter, nicht aus.