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Geschichten und Sagen aus Ganderkesee Engagierter Dorfarzt mit brachialen Kuren

Von Dirk Hamm | 27.04.2019, 10:33 Uhr

Nicht zum ersten Mal haben Werner Lüdeke und Hermann Speckmann für ein Buch über Ganderkesee viele interessante Schätze gehoben. „Geschichten, Sagen, Lieder und Gedichte aus der Gemeinde Ganderkesee“ heißt ihr aktuelles Werk.

„Us leewe Dr. Müller hett nich studert umsunst, sien Diagnosen stellt he up jeden Fall ganz promt. Bis du nervös, hest Unruh, un denkst du fallst bold um, seggt he: ‚Nimm erst mol Baldrian, dorto een lüttjen Rum!‘“

Mit diesen Zeilen beginnt ein liebevoll-launig formuliertes Gedicht von Grete Focken über „De Landarzt“, einen auf dem Lande tätigen Mediziner, der vielen Ganderkeseern noch in guter Erinnerung sein dürfte: Dr. Klaus Müller, der im Jahr 2000 verstorben ist, praktizierte von 1946 bis 1986 in der Gantergemeinde. Auch wenn es in dieser Zeit noch andere Ärzte im Ort gab, galt Müller doch gemeinhin als der Dorfarzt in Ganderkesee. Der Hausarzt alter Prägung richtete seine Praxis in dem 1929 am Ring in der Ortsmitte als Gaststätte errichteten Haus ein, das seinen Namen trägt: Heute ist das Kulturhaus Müller ein Hort der Kunst und der Musik.

Leihbücherei in Baracke eröffnet

Die Verfasserin des Gedichts „De Landarzt“ ist 2010 in ihrem 100. Lebensjahr verstorben. Geboren als Tochter des Gastwirts Johann Brunken, richtete Grete zusammen mit ihrem Mann Wilhelm Focken nach Kriegsende an der Bergedorfer Straße in Ganderkesee in einer Baracke direkt neben der abgebrannten elterlichen Gaststätte „Zum Deutschen Hause“ eine Leihbücherei und einen Verkauf von Leckereien ein. Auch ein Ausschank und die Wohnungen der Familien Brunken und Focken befanden sich in dem Provisorium. Nachdem 1950 ein Neubau errichtet worden war, wurde aus der Leihbücherei ein Schreib- und Spielwarengeschäft. Und auch die Gaststätte „Zum Deutschen Hause“ feierte Wiedereröffnung. 1979 wurde das Geschäft verpachtet. Grete Focken war auch bekannt für ihre plattdeutschen Döntjes.

Plattdeutsche Gedichte mit Übersetzung

Beide Persönlichkeiten, die Verse schmiedende Plattsnackerin und der zupackende Landarzt, haben Eingang gefunden in die ausgesprochen abwechslungsreiche Sammlung von „Geschichten, Sagen, Liedern und Gedichten aus der Gemeinde Ganderkesee“, die Werner Lüdeke und Hermann Speckmann herausgegeben haben. Grete Fockens aus eigenen Erlebnissen gespeisten plattdeutschen Gedichte sind dabei auch ins Hochdeutsche übertragen worden. Ende vergangenen Jahres im Eigenverlag herausgebracht, ist das reich bebilderte, 143 Seiten starke Buch für 13,95 Euro im örtlichen Buchhandel zu erwerben.

Weitere Schätze im Keller

Es handelt sich nicht um das erste gemeinsame Werk der beiden unermüdlichen Heimatforscher, die sich in ihren Kooperationen verschiedenen Aspekten und Kapiteln der Ganderkeseer Geschichte gewidmet haben. Wohl aber um das letzte, glaubt man den Worten Speckmanns. Wer sich jedoch ein wenig länger mit dem 81-Jährigen und seinem ein Jahr älteren Partner unterhält, spürt bald, dass es das wohl doch noch nicht ganz gewesen ist. Zu viel spannendes Material ist da noch vorhanden aus der Historie Ganderkesees, das ausgewertet werden will, etwa im Keller des verstorbenen Bruders von Werner Lüdeke lagernd.

Teuflische Sage und Schüßler-Salze

In dem jüngsten Werk Lüdekes und Speckmanns nehmen Sagen aus der Gemeinde Ganderkesee, 17 an der Zahl, einen besonders breiten Raum ein. Da geht es etwa um den vermeintlichen Teufelsabdruck an der Außenwand der Kirche St. Cyprian und Cornelius, um Hexen, Zwerge, Riesen und die „Witten Wiewer“ (weißen Frauen). Speckmann hat einige der einst von Ludwig Strackerjahn aufgezeichneten Sagen mit einem eigenen Kommentar versehen. Weitere Themen des Buchs sind unter anderem der Biochemische Verein, über den die einst gepriesenen Schüßler-Salze Verbreitung fanden, Spekulationen über St. Cyprian als frühere Wehrkirche sowie Kurzporträts, die an lokale Persönlichkeiten wie Hermann und Helmut Denker, Heinz-Günther Vosgerau und Hans Grundmann erinnern.

Strenge zum Besten der Patienten

Und an den schon erwähnten Landarzt Klaus Müller. Über ihn ist zu erfahren: „Seine brachialen Kuren und seine drohend-dröhnenden Anweisungen zur gesunden Lebensführung, manchmal auch in Du-Form, ließen manchen Patienten heilfördernd erschrecken“. Diese Strenge war nur zum Besten der Patienten, für das er sich energisch eingesetzt habe: „Wenn nicht zeitnah Berichte vom Krankenhaus kamen, dann schnauzte er am Telefon im Beisein der Patienten seine Krankenhauskollegen im Befehlston eines Oberstabsarztes an.“