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Heimatgeschichten im Kalender Menschen-Auktion in Ganderkeseer Wirtshaus

Von Dirk Hamm | 19.12.2015, 20:14 Uhr

Historische Fotografien und Heimatgeschichten aus Ganderkesee enthält Hermann Speckmanns neuer Heimatkalender. Mehrfach wird das Thema Armut beleuchtet.

In Zeiten, als staatlich organisierte soziale Sicherungssysteme noch Zukunftsmusik waren, trieb die bittere Armut vieler Menschen seltsame Blüten. So kam es in Ganderkesee um das Jahr 1880 mehrfach zu einer Art Menschen-Auktion. Unter der Anleitung des Gemeindevorstehers und des Pastors wurde beim Gastwirt Dietrich Siemer darum gefeilscht, ob ein Bürger, der sich eines der aufgerufenen Hilfsbedürftigen erbarmte, dafür einen Geldbetrag erhielt oder sogar noch draufzahlte. Das hing davon ab, inwieweit der Schützling in der Lage war, sich im Haus oder auf dem Hof nützlich zu machen.

Ein Dach über dem Kopf für Trine Behrens gesucht

Sehr plastisch erzählt wird diese Episode aus dem Dorfleben vor rund 130 Jahren in Hermann Speckmanns neuestem Heimatkalender Ganderkesee. Der Heimatforscher stützt sich nach eigenen Angaben auf einen vor Jahrzehnten in der Zeitung abgedruckten Zeitzeugenbericht eines 80-Jährigen, wenn er etwa schildert, wie der Gemeindevorsteher Conze sich mit Nachdruck darum bemüht, für die 50-jährige Trine Behrens ein Dach über dem Kopf zu finden: „Se is noch goot in Schick. Se kann goot spinnen un hett denn Winter up Stell säten, he hett immer Meß mit upladen. Wer kann de bruken?“ Erst als Conze einwilligt, dass die Gemeinde 20 Mark zahlt, nimmt sich jemand der bedürftigen Frau an. „Das war damals eine Form der Armenfürsorge“, sagt Speckmann.

„Armenvater“ half Menschen in Not

Auch ein Auszug aus den Erinnerungen der Ganderkeseerin Gesine Oltmanns wirft ein Licht auf die bedrückenden Lebensumstände vieler Menschen in jener Epoche. Oltmanns Vater war von der Gemeinde als sogenannter Armenvater für Bürstel-Immer eingesetzt worden. Oftmals half er Menschen, die durch Krankheit oder Unglücksfälle in Not und Verzeiflung gestürzt worden waren.

Seit 2006 bringt Hermann Speckmann zusammen mit dem Huder Udo Engelbart den Heimatkalender heraus. Auch in diesem Jahr zeigen die zwölf Monatsblätter historische Fotografien, denen meist aktuelle Ansichten derselben Örtlichkeit in Ganderkesee gegenübergestellt werden. Auf der Rückseite finden sich in bewährter Form Heimatgeschichten, vom Elise-Fink-Gedicht „Die alte Dorfkirche“ bis zur schon obligatorischen Geschichte über den legendären Einsiedler und Wilddieb Hasen-Ahlers.

Foto von Kriegsgefangenen regt zum Nachdenken an

Neben den Texten über die Armenfürsorge lädt insbesondere ein Bild aus Hermann Speckmanns Fotoarchiv zum Nachdenken ein. Es zeigt eine Gruppe französischer Kriegsgefangener, die in der von Stacheldraht umzäunten Turnhalle in Ganderkesee untergebracht waren und zumeist beim Bauern Zwangsarbeit verrichteten. „Was denken sie? Was fühlen sie?“ – eine Antwort überlässt Speckmann dem Betrachter.

Der Heimatkalender Ganderkesee kostet zehn Euro und ist im Ort in den Geschäften „natürlich...Der Bioladen“, Jeans Scheune, Natur und Foto Kruse, Lüdeke Raumausstattung, Schuhhaus Denker und Blumenhaus Tönjes erhältlich.