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„Hitler-Marsch“ im August 1938 Mit der HJ quer durch Deutschland zum Massenspektakel

Von Dirk Hamm | 30.07.2016, 12:30 Uhr

Als Bernhard Himmelskamp am 27. Juli 1938 ganz früh morgens am Delmenhorster Bahnhof einen Zug Richtung Bremen bestieg, war es für den jungen Mann aus Grüppenbühren die erste Etappe einer strapazenreichen, mehr als einmonatigen Reise durch Deutschland. Erste Zwischenstation war die Stadt Schneverdingen in der Lüneburger Heide, wo sich der 18-Jährige im Zeltlager der Hitler-Jugend (HJ) einzufinden hatte.

Ab dem 1. August nahm er als einer von vier Hitlerjungen aus dem Bann 382 Delmenhorst am sogenannten Adolf-Hitler-Marsch der Hitler-Jugend nach Nürnberg teil. Dort zelebrierten die Nationalsozialisten im September ihren jährlichen Reichsparteitag.

Den in 27 Gruppen aus ganz Deutschland herbeimarschierten 2000 Hitlerjungen sowie 50000 weiteren Mitgliedern der NS-Jugendorganisation und 5000 „BDM-Mädeln“ fiel am sechsten Tag nach der Eröffnung eine tragende Rolle in der Inszenierung der totalen Gefolgschaft der Massen gegenüber Hitler zu.

579 Kilometer zu Fuß zurückgelegt

Bernhard Himmelskamp sollte nur wenige Jahre später, im August 1943, als Soldat in Russland fallen. Von ihm ist ein Tagebuch überliefert, in dem er akribisch die Stationen des Marsches vom August 1938 festgehalten hat. Rudolf Klimek vom Arbeitskreis Stedingsehre hat dieses Zeitdokument ausgewertet.

579 Kilometer Fußmarsch von einem weiteren Zeltlager in Uelzen bis nach Nürnberg lagen vor Bernhard Himmelskamp und seinen Kameraden, als sie am 1. August um 5.30 Uhr geweckt wurden. Insgesamt sieben Ruhetage wurden eingelegt, dazwischen wurden an den 27 Marschtagen im Schnitt 21 Kilometer pro Tag zurückgelegt.

Von Ausruhen konnte an den Ruhetagen und nach den Tagesmärschen aber nicht die Rede sein, wie den Aufzeichnungen Himmelskamps zu entnehmen ist, permanent wurden die Jugendlichen beschäftigt: Appelle, Besichtigungen, Kameradschafts- und Singabende. Am ersten Ruhetag gab es morgens eine Überraschung: „Der Appell fällt aus wegen Erntehilfe und wir freuten uns.“

Auch am Ruhetag morgens Antreten zum Appell

Vom vierten Ruhetag im thüringischen Greußen berichtet der Tagebuchschreiber: „Morgens um 8 Uhr fing der Appell schon an, es wurden die Feldflaschen nachgesehen und Zahnbürste und Kamm und dann die Decke und Zeltbahnen, auch die Tornister, viele wurden heruntergerissen. Danach wurden die einzelnen Scharen zum Exerzieren aufgeteilt und es musste viel gekrochen werden.“

Die Aufzeichnungen enden, noch bevor das Ziel des Marsches erreicht ist. Am 3. September trafen die Hitlerjungen im HJ-Lager Fürth vor den Toren Nürnbergs ein. Am 19. September wurde die Rückreise per Bahn angetreten, nach Zwischenaufenthalt in München ging es am 20. September für die Teilnehmer aus dem HJ-Gebiet Nordsee zurück nach Delmenhorst.