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Hospizkreis Ganderkesee-Hude Wie eine Frau nach fast 60 Jahren mit ihrer Trauer zurechtkam

Von Vincent Buß | 23.11.2018, 17:06 Uhr

Fast 60 Jahre lang trug Marie-Luise ihre Trauer mit sich herum. Bis sie sich entschloss, bei der geschlossenen Trauergruppe des Hospizkreises Ganderkesee-Hude Hilfe zu suchen – und diese auch fand.

Die Trauer begann, als Marie-Luise elf Jahre alt war, damals starb ihr Vater. „Ich wurde in schwarze Kleidung gesteckt, wusste aber gar nicht, was los war“, erinnert sich die 69-Jährige, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Dann verlor sie ihre Mutter und später auch noch ihren Bruder. „Von meiner ursprünglichen Familie blieb niemand übrig.“ Doch Marie-Luise lebte ihr Leben weiter. Bis sie irgendwann krank wurde – krank vor Trauer. Sie beschloss, sich noch einmal bewusst mit ihrer Trauer auseinanderzusetzen und wandte sich an die geschlossene Trauergruppe des Hospizkreises Ganderkesee-Hude.

Geschichten wie diese hört Hanna Otter-Sandstedt häufig. die 72-Jährige ist eine der ehrenamtlichen, ausgebildeten Trauerbegleiterinnen der Gruppe. Viele würden leiden, aber wüssten nicht, dass es an ihrer Trauer liege. Otter-Sandstedt beschreibt das so: „Da ist etwas in ihrem Rucksack, dass sie nie angeguckt haben.“ Deshalb versuchen die Trauerbegleiter näher hinzusehen und Verborgenes zu entdecken. Klassische Therapiearbeit leisten sie jedoch nicht, sie wollen begleiten und Menschlichkeit bieten.

Was in der Trauergruppe passiert

Wenn jemand zur Trauergruppe geht, kann das laut Otter-Sandstedt schon einmal auf Unverständnis stoßen: „Was willst du da, da wird doch nur geweint?“ Das stimmt laut Marie-Luise nicht. „Manchmal“, sagt sie und ihre Stimme bricht kurz, „haben wir uns weinend in den Armen gelegen.“ Aber es werde auch viel geredet und sogar gelacht. Sie zeigt eine Mappe mit Texten, Gedichten und Liedern, die sie während der Treffen gesammelt hat. „Ich konnte aussprechen, was mir am Herzen lag“, erzählt die 69-Jährige. Auf Verständnis sei sie gestoßen und eben nicht auf Sätze wie: „Das ist doch schon so lange her.“

Ihre Trauerbegleiterin Otter-Sandstedt hält das auch für ein Symptom der Zeit. „Früher gab es ein ganzes Trauerjahr“, erklärt sie. Heute solle alles schneller vorbeigehen. „Aber die Psyche des Menschen ist die Gleiche geblieben.“ Die letzte geschlossene Trauergruppe lief anderthalb Jahre. „So lange werde ich traurig sein?“, würden überraschte Teilnehmer Otter-Sandstedt oft fragen. Die 72-Jährige erklärt dann: „Trauer geht nie vorbei, sie wird nur anders.“ Es gelte, einen Umgang damit im Alltag zu finden.

So geht es der Teilnehmerin danach

Alles, was die Teilnehmer auf dem Weg dorthin denken und fühlen, bleibt das Geheimnis der Gruppe – denn es gilt Schweigepflicht. Vertrauen ist laut Otter-Sandstedt wichtig. „Und man muss sich gegenseitig sympathisch sein.“ Denn im Gegensatz zur offenen Gruppe treffen sich bei der geschlossenen immer die gleichen Leute.

Nach anderthalb Jahren in der Gruppe steht Marie-Luise vor ihrem letzten Treffen. Der Umgang mit ihrer Trauer scheint ihr nun leichter zu fallen. „Der Schmerz wurde zu liebevoller Erinnerung“, beschreibt sie ihre Gefühle. Sie sei dankbar für das, was sie mit den Verstorbenen erleben durfte. „Und ich habe Stabilität gewonnen“, sagt die 69-Jährige. Das merkt man auch an ihrer Erzählweise: Abgesehen von kurzen Pausen, redet sie entschlossen und wirkt positiv. „Mir darf es nach der Trauer auch wieder gut gehen – aber, wenn Tränen kommen, darf das auch sein.“