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„Inklusive Bildung – Irrweg oder Chance?“ Kontroverse Diskussion in Wildeshausen über Förder- und Regelschulen

Von Ole Rosenbohm | 19.10.2018, 11:16 Uhr

Kontroverse Diskussion über Förder- und Regelschulen in Wildeshausen: Am Mittwochabend debattierten Experten mit zahlreichen Besuchern über „Inklusive Bildung – Irrweg oder Chance?“.

„Eher aufgehoben als beschult“ – so hat eine Mutter die Situation ihres förderbedürftigen Kindes in der Regelschule beschrieben und darüber am Mittwochabend in einer Veranstaltung des Kreisbehindertenrats in der Wildeshauser Hunteschule berichtet. Dort diskutierten Experten und Besucher in einer kontroversen und durchaus kurzweiligen Runde über Förder- und Regelschulen. Der Titel der Veranstaltung: „Inklusive Bildung – Irrweg oder Chance?“. Dabei sprachen sich auffällig viele für den Erhalt der Förderschulen aus.

„Regelschulen oft überfordert“

Auf dem Podium stimmte Karin Puhl vom Kreiselternrat zu: Im Vergleich mit den kleinen Förderschulklassen ab Klasse fünf und der fachlich guten Betreuung seien die Regelschulen mit beeinträchtigten Kindern oft überfordert.

Landrat setzt auf „Wahlfreiheit“

„Wahlfreiheit“ für Eltern forderte Landrat Carsten Harings. Die Anmeldezahlen für Förderschulen seien schließlich unverändert hoch. Die Schulgebäude im Landkreis indes würden bis Anfang des kommenden Jahrzehnts „optimal“ für Inklusion hergerichtet werden.

Inklusive Beschulung „eine Riesenchance“

Der an Regelschulen eingesetzte Förderschullehrer Werner Köhler aus der Gemeinde Ganderkesee berichtete von Schülern an Regelschulen, die sich so gut entwickelt hätten, dass der Unterstützungsbedarf zurückgenommen werden konnte, und verwies damit auf Erfolge der Inklusion. Auch Guido Venth vom Verband Verband der Sozialpädagogen betonte die „Riesenchance“ inklusiver Beschulung.

Noch zu wenig Fachkräfte

Holger Stolz vom Landesverband der Lebenshilfe plädierte dafür, pädagogische Qualität und Rahmenbedingungen mehr in den Blick zu nehmen, und erntete Zustimmung: Lehrer seien ins „kalte Wasser geworfen“ worden, als sich in ihren Klassen die ersten Behinderten befanden, hieß es. Ohnehin gebe es zu wenig Fachkräfte.

Mehr Fachlehrer als Zusatzkräfte

Die würden aber mit der aktuellen Uni-Generation kommen, sagte Holger Westphal von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und informierte über in Sonderpädagogik ausgebildete Lehrer mit einem neuen inklusiven Selbstverständnis. Westphal sieht vor allem das mehrgliedrige Schulsystem in Deutschland als Inklusionsbremse und machte eine Rechnung gegen den Lehrermangel in Förderschulen auf: Werden die Förderschulen aufgelöst, hätte jede Regelschulklasse bis zum 13. Jahrgang auf einen Schlag bis zu fünf, sechs Stunden pro Woche mehr Fachlehrer als Zusatzkräfte im Unterricht zur Verfügung.

2007 unterzeichnete auch Deutschland die EU-Behindertenrechtskonvention und stellte damit klar, allen Menschen uneingeschränkte Teilhabe für alle Aktivitäten zu ermöglichen – Inklusion. Der Weg zur inklusiven Bildung aber scheint schwer zu sein. So will die rot-schwarze Landesregierung Förderschüler erst ab 2028 verpflichtend in Regelschulen unterrichtet wissen.