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Interview mit Dr. Schulz-Berendt Ganderkeseer Grüne forden mehr Einsatz für Klimaschutz

Von Thorsten Konkel, Thorsten Konkel | 21.10.2016, 21:43 Uhr

Die Ganderkeseer Fraktion Bündnis 90/Die Grünen will den Klimaschutz vorantreiben: Der neue Fraktionsvorsitzende Dr. Volker Schulz-Berendt fordert darum ein Ende der Wachstumspolitik. Verkehrs-, Agrar- sowie Wohn- und Gewerbe-Belange sollen diesem Ziel untergeordnet werden. „Wir müssen endlich strategisch in der Gemeindepolitik vorgehen“, fordert der promovierte Biologe im dk-Interview.

Herr Dr. Schulz-Berendt, die Grünen haben bei dieser Wahl zwei Sitze verloren, lag das am „Fukushimaeffekt“?

Dr. Volker Schulz-Berendt, Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen in Ganderkesee: Wir haben 2011 zwar sehr vom gestiegenen Umweltbewusstsein angesichts der Reaktorkatastrophe in Japan profitiert und damals mehr Sitze als erwartet geholt. Die jetzigen Verluste kann man nun aber nicht allein daran festmachen. Es liegt eben auch daran, dass wir unter anderem eine andere Agrarpolitik in dieser von Landwirtschaft geprägten Gemeinde anstreben.

Wie sollen Landwirte denn wirtschaften?

Wir müssen in der Gesellschaft generell umdenken, alles ist nur auf Wachstum ausgelegt. Wir sind nicht gegen die Landwirte, sondern wir möchten, dass riesige Monokulturen, Massentierhaltung und der massive Einsatz von Mineraldünger und Pestiziden zurückgefahren werden. Wünschenswert wäre es, wenn Landwirte auf ökologisches Wirtschaften umstellen, dazu sollte es auch Förderungen geben.

Was ist für Sie sonst wichtig in der neuen Ratsperiode?

Wir müssen gemeinsam strategische Ziele formulieren, die der Gemeinderat verfolgt. Klimaschutz ist seit dem Paris-Abkommen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, er betrifft uns alle. Wie im Finanzausschuss alles geprüft und beraten wird, so sollten wir alle Verkehrs-, Agrar-, Wohnbau- und Gewerbe-Belange auf den „Klimaprüf-stand“ stellen. Wir sind, so meine ich, schon in der Post-Wachstumsgesellschaft angekommen. Die Flächenvergeudung muss ebenso gestoppt werden wie eine weitere Zunahme des Verkehrs.

Das wird in einer Pendlergemeinde wie Ganderkesee nicht so leicht sein, oder?

Aber es ist machbar. Schon jetzt, so stellen wir fest, ist etwa in Bookholzberg der gerade erst angelegte Fahrradparkplatz für Bahnpendler überfüllt. Er müsste erweitert werden. Ich sehe in der besseren Vernetzung von Fuß-, Rad- und Bahnverkehr eine Chance. Die Menschen sind bereit, sich umzustellen, etwa, wenn die Nordwestbahn häufiger fährt. Der Schlüssel liegt in der Vernetzung.

Was ist Ihnen noch wichtig beim Thema Verkehr?

Wir wollen in den Ortschaften der Gemeinde flächendeckend Tempo 30 einführen. Auch soll es Fahrradstraßen geben, auf denen Räder Vorrang haben.

Sie sprachen bereits von der Flächenvergeudung. Wie wollen Sie künftig die Gewerbeansiedlung behandeln?

Wir wollen keine neuen Gewerbegebiete mehr ausweisen, wir waren schon gegen das große Gebiet in Grüppenbühren. Jetzt klagen Anwohner über unerträglichen Lastwagenverkehr. Der verursacht auch noch hohe Emissionen. Wenn Gewerbe, dann nur Betriebe, die klimafreundliche Produkte herstellen. Warum nicht eine Firma oder ein Technologiezentrum für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben? Das könnte etwa auf dem alten Speditionsgelände an der Atlasstaße entstehen oder gegenüber in den leeren Fabrikhallen.

Wie soll der Wohnbau künftig den Bedarf decken?

Beim Wohnen sagen wir ,Sanieren statt abreißen und neu bauen’. Wenn überhaupt neue, dann nur ökologische Baugebiete. Im Ort hat die bauliche Verdichtung schon ein kaum noch zu ertragenes Maß erreicht. Und man sollte auch aus weiteren Gründe nicht jeden Fleck zubauen. Die Köhlerwiese ist da ein gutes Beispiel: Industriegebiet, Bahn, Straße und eine Einflugschneise zum Flugplatz Ganderkesee werden die Neuzuzügler dort später belasten.