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Interview mit Ganderkeseer Pastorin „Halloween ist sinnentleerter Fasching im Herbst“

Von Thomas Deeken | 29.10.2015, 16:42 Uhr

Als ein „sinnentleertes Faschingsfest im Herbst“ hat Pastorin Susanne Bruns von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Ganderkesee Halloween bezeichnet. Sie feiert traditionell den Reformationstag, erinnert an Martin Luther und weist auf die Veranstaltung „Wort und Musik“ in der Ganderkeseer Kirche hin, sagte sie in einem Interview mit dem Delmenhorster Kreisblatt.

 Frau Bruns, am Samstagabend heißt es an den Türen wieder „Süßes oder Saures“. Dann sind Kinder und Jugendliche als Skelett, Zombie, Hexe oder Vampir verkleidet unterwegs, um sich mit Süßigkeiten einzudecken oder einen Streich zu spielen. Außerdem ist Reformationstag . Ärgert es Sie, dass viele Menschen eher an Halloween als an die Reformation denken? 

 Susanne Bruns, Pastorin der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Ganderkesee: Ich habe überhaupt kein Problem damit. Ich feiere Halloween nicht, sondern traditionell den Reformationstag.

 Und wenn’s bei Ihnen an der Haustür klingelt ...? 

Ich krieg‘ das nie mit, weil ich in Sachen Reformationstag unterwegs bin.

 Haben Sie keine Angst, dass Ihre Hauswände beschmiert oder Eier geworfen werden? 

Das ist bei mir noch nicht vorgekommen. Ich weiß, dass so etwas passiert – wohl eher durch Jugendliche. Aber es gehen ja auch viele Kinder in Begleitung ihrer Eltern von Tür zu Tür. So wie in den USA. Als Kinder sind wir früher in Wilhelmshaven auch von Tür zu Tür gegangen, waren verkleidet und haben gesungen. Das war aber am Faschingsdienstag.

 Wie würden Sie Halloween beschreiben? 

Halloween ist ein Konsumfest, ein sinnentleertes Faschingsfest im Herbst, das sich gut vermarkten lässt, gut für die Geschäfte ist und mit dem Reformationstag überhaupt nichts zu tun hat.

 Weiterlesen: Woher kommt der Halloween-Brauch? 

 Am 31. Oktober 1517 soll der Theologieprofessor Martin Luther 95 Thesen zu Buße und Ablasspraxis der katholischen Kirche an die Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben. Anschließend kam es zur Kirchenspaltung und zur Bildung der evangelisch-lutherischen Kirchen. Glauben Sie, dass das heute noch vielen bekannt ist? 

An Luther kommt man im Geschichtsunterricht nicht vorbei. Das Thema müsste allen bekannt sein, manche haben es aber wieder vergessen. So wie ich auch manches aus Schulzeiten vergessen habe.

 Was hat Luther geschafft? 

Für mich hat er den Menschen die Angst vor der Hölle genommen, indem er erklärt hat, dass Gott uns so annimmt, wie wir sind – auch mit unseren Fehlern. Er wollte für uns einen gnädigen Gott, vor dem man keine Angst haben muss. Mit Erfolg: Wir leben nicht mehr angstbesetzt im Christentum. Außerdem setzte sich Luther gemeinsam mit Melanchthon für Bildung für alle Menschen ein. Da haben sie viel vorangebracht.

 Und das ist auch Thema am Samstag? 

Wir erinnern daran, wer der Begründer der protestantischen Kirche war. Und ich lade alle für Samstagabend in die St.-Cyprian-und-Cornelius-Kirche nach Ganderkesee ein. Ab 18 Uhr heißt es „Wort und Musik zum Reformationstag“ mit Texten von Martin Luther und Musik aus dem Frühbarock. Mit dabei sind Pastorin Uta Brahms, Kreiskantor Thorsten Ahlrichs, Sopranistin Stefanie Golisch sowie die Violinistinnen Ximena Fernandez und Gerlind Meyer-Bahlburg. Der Eintritt ist frei.

 Vielleicht kommen an einem Samstag ja mehr Menschen in die Kirche, weil viele frei haben. Bedauern Sie, dass der Reformationstag in Deutschland – abgesehen von den Bundesländern im Osten – kein gesetzlicher Feiertag ist? 

Wir als Kirche können diesem Tag, auch wenn er kein gesetzlicher Feiertag ist, eine Bedeutung geben. Das tun wir jedes Jahr. Ich würde mich aber freuen, wenn es zum 500. Jubiläum in zwei Jahren einen Feiertag geben würde.

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