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„Irgendwo ist immer Krieg“ Volkstrauertag weist in Ganderkesee auch Weg in die Zukunft

Von Thomas Breuer | 19.11.2017, 19:53 Uhr

Als Tag, der auch in die Gegenwart und die Zukunft weist, ist der Volkstrauertag im Ganderkeseer Rathaus begangen worden. In den anderen Ortsteilen wurden ebenfalls zum Gedenken Kränze niedergelegt.

Der frühere Chefarzt der Kinderklinik in Delmenhorst, Dr. Johann Böhmann, hat zum Volkstrauertag im Rathaus auch die Auswirkungen von Krieg und Terror auf die Flüchtlinge, die seit geraumer Zeit nach Deutschland kommen, thematisiert.

Selbstmordversuche von Flüchtlingen erlebt

In den vergangenen zwei Jahren, so der Hauptredner der Gedenkstunde von Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) und Gemeinde Ganderkesee, habe er als Arzt zehn bis zwölf Selbstmordversuche von Flüchtlingen erlebt. Viele davon erst ein Jahr nach dem Eintreffen in Deutschland, als das Gröbste bewältigt schien. „Erst wenn man sich sicher ist, kann man es sich leisten, Probleme zu haben“, lautete Böhmanns Erklärung.

Rund 60 Teilnehmer im Rathaus

Eingangs der Gedenkstunde hatte sich Bürgermeisterin Alice Gerken über etwa 60 Teilnehmer gefreut, etliche davon als Abgesandte von Vereinen und Verbänden. Den Volkstrauertag bezeichnete sie als „Tag zum Nachdenken und Innehalten, der mit Blick auf die weltweiten Entwicklungen nicht in Vergessenheit geraten sollte“.

Gerken sagte: „Irgendwo ist immer Krieg.“ Auch ihr war es wichtig, die Schicksale der heutigen Flüchtlinge zum Volkstrauertag nicht außer Acht zu lassen.

Bürgermeisterin erinnert an Gelöbnis im Ort

Gerken erinnerte auch an die Bundeswehrsoldaten, die sich gegenwärtig im Ausland gegen den Terror und für die dortige Zivilbevölkerung engagieren. Mit Blick auf das Gelöbnis von 179 Rekruten vor Kurzem in der Ortsmitte rief sie dazu auf, die deutschen Soldaten auch ideell in der Mitte der Gesellschaft zu unterstützen. „Der Einsatz sollte nicht grundsätzlich infrage gestellt werden“, sagte die Bürgermeisterin.

Erkenntnisse aus der Neurobiologie thematisiert

Redner Böhmann ließ in seine Rede auch Erkenntnisse der Neurobiologie einfließen. Inzwischen, so der Mediziner, gelte es als gesichert: „Traumata, wie ein längerer Konflikt, vererben sich in nachfolgende Generationen.“ Sie würden sich in den Teil des Gehirns, der mit Emotionen zu tun hat, einprägen und Eingang finden in ein verändertes Erbgut.

„Kinder können von dem Tag viel lernen“

Den Volkstrauertag sieht Böhmann als auch als Chance an. „Kinder können von dem Tag viel lernen, weil sie in die Zukunft schauen“, sagte er. Sie gingen einen derartigen Gedenktagtag damit „völlig unverkrampft“ an, getragen von der Fragestellung: „Was können wir in der Zukunft anders machen?“ Bei Älteren richte sich der Blick in der Regel zunächst auf die Vergangenheit. Generell warnte Böhmann davor, Ideologien zu verfallen. Selbst Ernesto „Che“ Guevara sei, weil er für eine Ideologie kämpfte, vom Kinderarzt zum Killer geworden.

An zwei Stellen im Ortskern Kränze niedergelegt

Im Anschluss an die zentrale Gedenkstunde, die von zahlreichen weiteren Gedenken in den Bauerschaften begleitet wurde, erfolgten Kranzniederlegungen am Ehrenmal und bei den Soldatengräbern im Ortskern. Wie im Rathaus, setzte auch hier der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Ganderkesee, einen würdevollen musikalischen Rahmen.