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Jahresempfang der Diakonie In Geiselhaft den Taliban das Kniffeln gelehrt

Von Reiner Haase | 18.01.2019, 21:18 Uhr

Ganderkesee Bernd Mühlenbeck war fast drei Jahre lang in Pakistan Geisel der Taliban. Sein Erfahrungsbericht hat dem Jahresempfang der Diakonie Delmenhorst/Oldenburg-Land den Stempel aufgedrückt.

Diesen Tag vor ziemlich genau sieben Jahren wird Bernd Mühlenbeck nicht vergessen. Mitten im Skype-Gespräch mit seiner Frau poltert es vor der Wohnung des Entwicklungshelfers in Multan in Pakistan. Er ist hier nach einer Flutkatastrophe für die Welthungerhilfe tätig. Drei Schwerbewaffnete bedrohen und fesseln ihn, stoßen ihn in ein Auto, in dem schon Giovanni Lo Porto liegt, ein Entwicklungshilfe-Kollege aus Italien.

Mehr als 1000 Tage Geiselhaft

Die Entwicklungshelfer werden von Taliban entführt. Seine Frau, seine Wohnung in Twistringen wird er erst mehr als 1000 Tage später, im Oktober 2014, wiedersehen. Er ist aus der Geiselhaft freigekauft worden. Von wem und für welchen Preis, das weiß Mühlenbeck bis heute nicht.

Ständig Flucht vor Bomben

100 Gäste des Neujahrsempfangs des Diakonischen Werks Delmenhorst/Oldenburg-Land verfolgten am Freitag in der Sankt-Cyprian-und-Cornelius-Kirche in Ganderkesee Mühlenbecks Bericht vom Erlebten und Durchlittenen. Eingesperrt in mehrfach wechselnden, teils winzigen Räumen, festgekettet am Betonklotz. Unendlich viel Zeit fürs Schreiben von Kurzgeschichten, Gedichten und Tagebüchern. Stunde um Stunde mit Giovanni kniffeln. Den neugierig gewordenen Taliban das Würfelspiel beibringen. Bei jedem der zahlreichen Bombardements durch amerikanische Flugzeugeder Gedanke, dass das Leben auf einen Schlag beendet sein könnte. „Angst hatte ich eigentlich nur davor, dass ich schwerverletzt aus den Trümmern geborgen werden könnte“, so Mühlenbeck, heute so ruhig und bedächtig wie damals in Geiselhaft. „Ich habe überlebt, Giovanni nicht“, berichtet er. Sein Partner ist nicht freigekauft worden und 2015 bei einem Bombardement umgekommen.

Wiedersehen in Hannover

„Ganz doll geholfen hat mir die Liebe zu Doris“, berichtete Mühlenbeck. Die Gespräche mit ihr, vorher fast täglich via Skype geführt, habe er in den Kopf verlagert. „Nach 40 Jahren Ehe kennen wir uns so gut, dass ich mir stets vorstellen konnte, was sie gerade tut.“ Die innige Umarmung in einem geschützten Raum auf dem Flughafen Hannover sei „überwältigend, absolut irre“ gewesen.

Weiterleben als neuer Mensch

„Ich bin als neuer Mensch zurückgekehrt“, stellt Mühlenbeck fest. Manchmal schläft und träumt er schlecht. Mit seiner Frau müsse er das Zusammenleben unter den veränderten Bedingungen erlernen. Dünnhäutig reagiert er auf Anweisungen anderer Leute. „Ich musste 33 Monate nach Regeln leben, die nicht die meinen waren“, erinnert er.

Politiker loben Diakonie

Der stellvertretende Landrat Niels-Christian Heins und Bürgermeisterin Antje Beilemann schrieben der Diakonie in Grußworten verantwortungsvolle, bewährte und leistungsfähige Zusammenarbeit in zahlreichen Projekten mit dem Landkreis Oldenburg und der Stadt Delmenhorst zu. Das Motto „Da sein, wo’s nötig ist“ gelte tagtäglich, in den vergangenen Jahren auch und vor allem in der Flüchtlingsarbeit. Das Engagement der Haupt- und Ehrenamtlichen stärke das Gemeinwesen.

Erfahrungen in Buch verarbeitet

Bernd Mühlenbeck hat seine Erfahrungen als Taliban-Geisel in einem Buch verarbeitet. Es ist unter dem Titel „Very soon is far away“ erschienen.