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Kampf gegen plötzlichen Herztod Mutige Bürger sollen Lebensretter werden

Von Reiner Haase, Reiner Haase | 12.06.2018, 23:05 Uhr

Große Fortschritte in der Reanimation sind für Rettungsdienstleiter Dr. Günther nur Etappensiege. Neben der Perfektionierung des Systems bedürfe es mehr mutiger Ersthelfer.

Norwegen ist für Dr. Peter Günther ein großes, aber wohl unerreichbares Vorbild für das Ziel, nach plötzlichem Herztod wiederbelebte Patienten trotz großer Entfernung lebend ins Krankenhaus zu bringen. Sechs von zehn der Skandinavier, die nach einem plötzlichen Herztod vor Ort wiederbelebt worden sind, erreichen das Krankenhaus lebend. Im Landkreis Oldenburg ist die Quote halb so hoch.

„Sensationell guter Weg“

Dennoch sieht der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes den Landkreis Oldenburg auf „sensationell gutem“ Weg: Im Fachausschuss des Kreistags berichtete er, dass der Anteil lebend Eingelieferter von 22 Prozent im Jahr 2015 über fast 30 Prozent im Jahr 2016 auf 35,1 Prozent im Jahr 2017 gestiegen ist. Im Vergleich mit 160 anderen deutschen Rettungsdienstregionen ist der Landkreis in diesen drei Jahren von Platz 50 über Platz acht auf Platz zwei geklettert.

Günstige Lage, große Entfernungen

„Jeder Dritte ist gut, aber nicht gut genug“, stellte Günther klar, „jeder Zweite ist unser Ziel. Dann ist uns der Platz im Ranking egal.“ Sein Zeitplan für den Aufstieg: „In fünf Jahren 40 und in zehn Jahren 50 Prozent.“ Der Landkreis liege günstig zwischen zwei Großstädten. Andererseits seien im großflächigen Landkreis Oldenburg recht große Entfernungen zu überbrücken. Beim Herz-Kreislauf-Stillstand komme es auf Minuten an. Günther wies darauf hin, dass Norwegen wohl uneinholbar die Nase vorn hat, weil im Rettungswesen sehr viele Hubschrauber eingesetzt werden könnten.

Angstbarrieren behindern

Für die Hilfe in den ersten Minuten bis zum Eintreffen des Notarztes oder des Rettungswagens schwebt Günther vor, viel mehr Menschen die Scheu zu nehmen, eine Reanimation sofort beherzt anzupacken. In den noch weitläufigeren Ländern Skandinaviens werde schon bei Kindern der Abbau von Angstbarrieren eingeleitet. Im Landkreis Oldenburg sollen mehr Menschen an Erste-Hilfe-Kursen teilnehmen. „Sehr gut dabei“ sei das Personal der Großleitstelle in Oldenburg, das Laien im Notfall per Telefon Schritt für Schritt zu den lebensrettenden Handgriffen anleiten könne.

Technische Fortschritte, schlechte Bezahlung

Günther berichtete von perfektionierten Aus- und Weiterbildungen der Besatzungen der Rettungswagen, von verbesserten und kreisweit vereinheitlichten Ausstattungen der Fahrzeuge. Mit der neuen Kommunikationstechnik könnten ausgebildete Ersthelfer per App über einen Notfall in ihrer Nachbarschaft informiert werden. Das System befinde sich ebenso im Aufbau wie ein möglichst umfassendes Verzeichnis der Defibrillatoren. Für weitere Verbesserungen nahm der Rettungsdienstleiter die Politik in die Pflicht: „Wir müssen die Mitarbeiter im Rettungsdienst gut behandeln, ausrüsten und bezahlen. Sie sind schlecht bezahlt.“