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Kirche ist kein Museum Evangelische Kirche in Ganderkesee verliert Mitglieder

Von Antje Cznottka | 15.10.2015, 18:59 Uhr

Die evangelische Kirche schrumpft. Seit 2008 ist Zahl der evangelischen Gemeindemitglieder in Ganderkesee von rund 14.700 auf etwa 13.700 gesunken. Die damit wachsende Herausforderung ist laut Pastorin Uta Brahms nicht nur Mitglieder hinzuzugewinnen, sondern gleichzeitig auch zu halten.

„Nur ein kleiner Anteil der Menschen tritt aus der Kirche aus, weil er sich über etwas ärgert. Die meisten Menschen gehen, weil sie das Gefühl haben, Kirche bietet nichts für sie“, erklärt Pastor Hannes Koch. Die Aufmerksamkeit der Menschen zu wecken, sei angesichts der vielen Alternativen wie Sport-, Faschings- und anderen Vereinen nicht einfach.

Nur ein Bruchteil der Mitglieder kommt zum Gottesdienst in Ganderkesee

Deswegen versuchen er und seine Kollegen in der Gemeinde Ganderkesee mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, ihr Interesse zu wecken. „Wir versuchen, den Leuten zu zeigen, Kirche ist kein Museum. Sie hat mit dem eigenen Leben zu tun und ist eine Bereicherung“, erklärt Koch. Die Realität sei, dass nur ein Bruchteil der Kirchenmitglieder auch zu den Gottesdiensten komme. „Wir hoffen, attraktive Angebote zu schaffen, sodass die Leute denken, wenn ich nicht dabei bin, verpasse ich etwas“, sagt er.

Modernere und zielgruppenorientierte Gottesdienste gehören ebenso zum Gemeindeaufbau wie die Kinder- und Jugendarbeit.

Schwerpunkt der evangelischen Kirche liegt in der Familienarbeit

So liegt in Schwerpunkt der Kirchen in der Arbeit mit jungen Familien. Drei bis vier Familiengottesdienste gibt es im Jahr mit kindgerechtem, lebhafterem Ablauf. „Die Eltern müssen dann nicht krampfhaft ihre Kinder auf der Bank halten und niemand stört sich an ein wenig Lärm“, berichtet Brahms. „Und auch Gottesdienstbesucher ohne Kinder finden die Abwechslung bereichernd.“ Familiengottesdienste und Konzerte würden immer gut angenommen. Ebenso wie die Kinderbibeltage, Brahms Besuche und die Kinderbibelwoche im Jona-Kindergarten, der Taufelternbrief „Tau(f)tropfen“, Laternenläufe, und die Miniclubs für Kinder von sechs Monaten bis drei Jahren . „Das alles sind Handreichungen für Eltern, die ihren Kindern den Glauben näher bringen wollen. Die Bindung an die Kirche kann früh losgehen“, erklärt die Pastorin. Deshalb sei es ihr wichtig, schon früh präsent zu sein und Kirche mit etwas Positivem zu verbinden.

Jugendarbeit in Ganderkesee gestaltet sich schwierig

Die Jugendarbeit in der Gemeinde gestaltet sich laut Brahms allerdings etwas schwierig. „Durch das Konzept der oldenburgischen Kirche sind die Jugenddiakone nur noch wenig vor Ort“, berichtet sie. Es gebe aber bereits Jugendgottesdienste mit Band, das Konfirmandenprojekt „Essen für den guten Zweck“ und eine Jugendgruppe, die bei Konfirmandenfahrten und Kindergottesdiensten hilft. „Wir arbeiten aber auch daran, eine Jugendgruppe zu eröffnen, die sich trifft, ohne ehrenamtlich tätig zu werden.“

Gottesdienst mit Band in Bookholzberg und Ganderkesee

Darüber hinaus gibt es seit einigen Jahren an jedem ersten Sonntag im Monat in Bookholzberg die „Spätschicht“ einen Abendgottesdienst mit Band, Theaterstücken oder anderen Aktionen. „Hier sind die Besucherzahlen höher als beim normalen Sonntagsgottesdienst“, so Koch. Wichtige Aspekte seien hier auch die persönliche Ansprache, aber vor allem die Gemütlichkeit, weiß Marlies Tesch, Küsterin in Stenum. „Fast jede Veranstaltung profitiert davon, wenn wir auch für das leibliche Wohl sorgen. Dann kommen die Leute ins Gespräch“, berichtet sie.

Evangelische Kirche will weitere Zielgruppen erreichen

„Die Kirche ist nicht in erster Linie die Institution, sondern Gemeinschaft“, stimmt auch Koch zu. Und wenn das richtig kommuniziert werde, zeige sich auch das Interesse und der Bedarf. So auch beim vor rund sechs Jahren eingeführten Männerkreis „Feierabend“. „Wir wollten auch die Männer ansprechen, die drei Schritte rückwärts machen, wenn sie das Wort Gesprächskreis hören“, berichtet Koch. Das sei gelungen. Der feste Kern der Gruppe besteht aus 25 bis 37 Herren. „Da sind auch die Männer dabei, die nicht zum Gottesdienst kommen“, sagt Koch. Mit diesen Projekten würden so auch Menschen erreicht, die nicht Mitglied der Kirche seien oder sich „rar“ machten.

Wirksamkeit der Maßnahmen kaum messbar

„Wir wollen niemanden unter Druck setzen“, stellt Pastor Hannes Koch klar, „aber du weißt, woran du bist.“ Die Kirchenmitglieder präsentierten sich offen, versteckten aber auch nicht ihr christliches Profil. So würde beim Männerkreis „Feierabend“ gebetet, bevor das Buffet eröffnet würde. Die Vorträge beim Männerkreis drehten sich dann aber nicht zwangsläufig um kirchliche Themen, erklärt Koch.

Inwiefern die Angebote und Aktionen dazu führten, dass Menschen in die Kirche eintreten, sei kaum messbar. „Wir prüfen nicht an der Tür, ob jemand Kirchenmitglied ist“, sagt Brahms. „Ich glaube aber, dass das Evangelium es wert ist, an die Menschen herangetragen und vertreten zu werden“, sagt Brahms.